Programm Allgemeine Belletristik

Westküstenblues

Manchette, Jean-Patrick

Was zur Zeit geschieht, kam ab und zu vor: Georges Gerfaut fährt gerade den äußeren Ring des Boulevard Périphérique entlang. Er hat die Auffahrt Porte d’Ivry genommen. Es ist halb drei oder vielleicht viertel nach drei morgens. Ein Streckenabschnitt des inneren Ringes ist wegen Reinigungsarbeiten gesperrt, und auf dem Rest ist der Verkehr fast gleich Null. Auf dem äußeren Ring sind vielleicht zwei oder drei, höchstens vier Fahrzeuge pro Kilometer unterwegs. Darunter ein paar Lastwagen, von denen mehrere extrem langsam sind. Die anderen Fahrzeuge sind Personenwagen, die alle sehr schnell fahren, weit über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit. Einige Fahrer sind betrunken. Das gilt auch für Georges Gerfaut. Er hat fünf Gläser Four-Roses-Bourbon getrunken. Außerdem hat er vor ungefähr drei Stunden zwei Tabletten eines starken Barbiturats geschluckt. Das alles hat bei ihm keine Müdigkeit hervorgerufen, sondern eine angespannte Euphorie, die jeden Augenblick in Wut umzuschlagen droht oder aber in eine Art vage Tschechowsche und vor allem bittere Melancholie, was weder ein sehr heldenhaftes noch interessantes Gefühl ist. Georges Gerfaut fährt 145 km/h.
Georges Gerfaut ist ein Mann unter vierzig. Sein Wagen ein stahlgrauer Mercedes. Das Leder der Sitze mahagonifarben, wie auch die gesamte In-nenausstattung des Autos. Das Innere von Georges Gerfaut ist düster und konfus, man kann darin undeutlich linkes Gedankengut erkennen. Auf dem Armaturenbrett, über den Instrumenten, sieht man eine kleine matte Metallplakette, auf der Georges’ Name, seine Adresse, seine Blutgruppe und eine abscheuliche Abbildung des heiligen Christophorus eingraviert sind. Über zwei Lautsprecher – einer unterm Armaturenbrett, einer auf der Ablagefläche hinten – verbreitet ein Kassettengerät gedämpft West-Coast-Jazz: Sachen von Gerry Mulligan, Jimmy Giuffre, Bud Shank oder Chico Hamilton. Ich weiß zum Beispiel, daß einmal Truckin’ von Rube Bloom und Ted Koehler läuft, gespielt vom Bob-Brookmeyer-Quintett.
Den Grund, weshalb Georges so mit verminderten Reflexen über den Périphérique rast und dabei diese Musik hört, den muß man vor allem in Georges’ Platz innerhalb der Produktionsverhältnisse suchen. Die Tatsache, daß Georges im Laufe des Jahres mindestens zwei Männer getötet hat, spielt dabei keine Rolle. Was zur Zeit geschieht, kam auch früher ab und zu vor.

 

Alonso Emerich y Emerich war auch jemand, der Menschen getötet hat, in weitaus größerer Zahl als Georges Gerfaut. Georges und Alonso lassen sich nicht mit gleichen Maßstäben messen. Alonso wurde in den zwanziger Jahren in der Dominikanischen Republik geboren. Die Verdoppelung seines germanischen Nachnamens zeigt uns – genau wie bei seinem Freund und Waffenbruder, dem General Elias Wessin y Wessin –, daß seine Familie zur weißen Elite der Insel gehörte und dies durch die Verdopplung unterstreichen wollte, ebenso wie die Reinheit ihres Blutes, unbefleckt von jeglicher Kreuzung mit niederen Rassen indianischer, jüdischer, negroider oder anderer Natur.
In den letzten Tagen seines Lebens war Alonso ein pummeliger Fünfzigjähriger, mit dunkler Hautfarbe und gefärbten Schläfen, der ein großes Bauernhaus auf einem sehr weitläufigem Landgut in Vilneuil bewohnte, einem Weiler in Frankreich, dreißig Kilometer von Magny-en-Vexin entfernt. In den letzten Tagen seines Lebens nannte Alonso sich Taylor. Die recht spärliche Post, die er bekam, war an Monsieur Taylor adressiert oder manchmal auch an Colonel Taylor. Bei den Lieferanten und Nachbarn galt er als Nordamerikaner oder vielleicht als Brite, der lange in den Kolonien gelebt hatte, wo er durch Handel zu Vermögen gekommen war.
Alonso war tatsächlich sehr reich, führte aber ein erbärmliches Leben. Er lebte völlig allein. Er hatte Angst. Niemand bearbeitete den Boden seines riesigen Besitzes, und im Haus gab es keine Bediensteten, weil Alonso niemanden hereinlassen wollte. Die einzigen Personen, die er während des kurzen Zeitraums, den er hier verbrachte und der die letzten Tage seines Lebens umfaßte, hereinließ, waren zwei Typen mit sehr beschränktem, aber unzweideutigem Wortschatz, mit dunklen Anzügen, die in einem knallroten Lancia Beta Berlina 1800 herumfuhren, was nicht unauffällig ist und nicht zu ihnen paßt. Einer der beiden Typen war kleiner und jünger als der andere, hatte schwarzes gewelltes Haar und sehr hübsche blaue Augen. Er gefiel den Frauen. Nach kurzer Zeit bekamen diese heraus, daß ihn an den Frauen nur interessierte, daß sie ihn schlugen. Er schlug sie nicht, und er wollte sie auch auf keinen Fall penetrieren. Also machten die Frauen mit ihm Schluß, außer die perversen Sadistinnen. Diese perversen Sadistinnen allerdings jagte er fort, sobald er merkte, daß sie Spaß daran fanden, ihn zu schlagen. Er sagte, sie widerten ihn an.
Der andere Typ war ein Vierzigjähriger mit Stirnglatze und ein wenig vorstehendem Oberkiefer, großen Zähnen und trockenen Haarsträhnen von fahlem Weiß. Dieser Typ hatte eine große kreisbogenförmige Narbe quer über die Kehle, sehr beeindruckend. Er hatte sich angewöhnt, sein Kinn auf den Hals zu drücken, um diese Narbe zu verbergen. Er war groß und schlaksig, und diese Art, den Kopf zu halten, gab ihm ein bizarres Aussehen. Diese beiden Typen haben ebenfalls eine Menge Leute umgebracht, doch sie und Georges Gerfaut lassen sich nicht mit gleichen Maßstäben messen, und auch Alonso waren sie nicht ähnlich. Leute umzubringen, war ihr zweiter Beruf. Vorher hatte der jüngere im Hotelgewerbe gearbeitet, zunächst als Kellner, danach als dreisprachiger Empfangschef. Und der andere war eine Art Söldner gewesen, der seine vielfältigen Dienste je-dermann anbot. Georges Gerfaut ist kaufmännischer Angestellter. Sein Beruf ist es, an unterschiedlichen Orten Frankreichs und Europas Privatpersonen wie auch juristischen Personen all die kostspieligen Elektroartikel zu verkaufen, die seine Firma, eine Niederlassung des ITT-Konzerns, herstellt, und deren Funktionsweise er kennt, denn er ist Ingenieur. Alonsos Beruf war der Krieg. Er war Offizier der dominikanischen Armee. Er gehörte dem MED, dem Militärischen Ermittlungs-dienst, an. Die besten Jahre seines Lebens waren die zwischen 1955 und 1960, die er auf dem Luftwaffenstützpunkt San Isidro verbrachte. Krieg führte er dort nicht. Der einzige Staat, gegen den die Dominikanische Republik bequem Krieg führen könnte, ist die Republik Haiti, weil sie auf derselben Insel liegt. Alle anderen Länder sind von der Dominikanischen Republik zumindest durch eine große Wasserfläche getrennt. Aber auch mit Haiti gab es keinen Krieg. Alonso fühlte sich wohl dabei. Auf der Luftwaffenbasis San Isidro schickte er im Einvernehmen mit seinem Freund und Kollegen Elias Wessin y Wessin (Kommandant der Basis, der zu einem halbwegs historischen, wenn auch sehr mittelmäßigen Schicksal bestimmt war) Flugzeuge der dominikanischen Luftwaffe nach Puerto Rico, von wo sie Alkohol und andere Lebensmittel ohne Zoll mitbrachten. Alonso und Elias lebten wie die Maden im Speck. Und sie waren unantastbar. Denn wenn es in Santo Domingo auch, wie vielerorts, keinen Krieg mit dem Ausland gab, so gab es wie überall den sozialen Krieg, und die wichtigste Funktion des dominikanischen Heeres war wie überall, den sozialen Krieg zu gewinnen, wann immer sich das Bedürfnis danach bemerkbar machte. Unter diesem Gesichtspunkt waren die nachrichtendienstlichen Aufgaben des MED von grundlegender Bedeutung. Regelmäßig wurden Personen, die verdächtigt wurden, mit dem Klas-senfeind unter einer Decke zu stecken, nach San Isidro gebracht, und die Aufgabe des MED, unter der Leitung von Alonso, bestand darin, diese zum Reden zu bringen, durch Schlagen, Vergewaltigen, Aufschneiden und tödliche Stromschläge, durch Kastrieren, Ertränken in einfallsreich konstruierten Räumlichkeiten und durch Kopfabhacken.
Am 30. Mai 1961 wurde Trujillo, der «Wohltäter», auf einer Landstraße von Kugeln eines Kom-mandos durchsiebt, dessen Mitglieder sowie einige Komplizen man später erwischte. Für Alonso und Elias waren die schönen Tage vorbei, oder fast vorbei. Die Söhne des «Wohltäters» hielten sich noch 180 Tage, und nach ihnen, unter der Präsi-dentschaft von Balaguer, hatten Alonso und Elias noch genügend Zeit, die Wahlen von 1962 vorzubereiten, indem sie die Bauern von Palma Sola massakrierten und den regierungstreuen General Rodriguez Reyes liquidierten. Und nach der Wahl des kleinen Demokraten Juan Bosch stürzte Elias diesen, um Donald Reid Cabral, den Repräsentanten der CIA und der Austin Automobiles in Santo Domingo, an seine Stelle zu setzen. Und weniger als zwei Jahre später bemerkte Elias, daß hinter dem demokratischen Ex-Polizisten Caamano eine Revolution im Gange war, und der gab er sich mit Herzenslust hin, mit all seinen Panzern, seinen Mustang und seinen Meteor, vor allem gegen die nördlichen Vororte der Hauptstadt Santo Domingo, weil die größte Gefahr in der Tat von dort ausging: die Arbeitermilizen und andere Schweine plünderten, horresco referens, die große Pepsi-Cola-Fla-schenfabrik in der Nähe des Friedhofs, um Molotowcocktails zu machen. Aber die Amerikaner, die wie Elias die wahre Ge-fahr (hinter den gemäßigten und gewissermaßen Kennedyschen Erklärungen Caamanos) erkannt hatten und die infolgedessen Elias eine entscheidende Unterstützung geliefert haben: mit Logistik, Waffen, Munition, Hubschraubern, Flugzeugträgern, Marines, Luftbrücke (1539 Landun-gen) und mit dieser Scheißdoktrin des «neutralen» Korridors – diese Amerikaner also werden Elias nach dem Sieg hereinlegen und ihn für eine Zeit-lang nach Miami verbannen. Das ist nicht fair.
Alonso hingegen war seit 1962 nicht mehr dort. Im Unterschied zu Elias fand er keinen Gefallen an der Macht, sondern nur an den Bequemlichkeiten dieser Welt. Er hatte die Abreise der Familie des «Wohltäters» überwacht, einschließlich des Ge-päcks (die Leiche, die Staatsarchive, die außeror-dentliche Menge Knete). Und das hatte ihn auf ein paar Ideen gebracht. Als dann die Wahlen von 1962 Juan Bosch an die Macht brachten, flog Alon-so ab ins Exil, wohin er zuvor bereits ungeheure Mengen Geld überwiesen hatte.
Vielleicht baute seine Intelligenz in den folgenden Jahren ab, die zu Jahren eines immer rastloseren Umherirrens wurden. Oder vielleicht war Alonso auch von Anfang an ein Halbidiot. Erinnern wir uns, daß er es selbst auf dem Höhepunkt seiner Macht nur zum Rang eines höheren Militärpolizisten gebracht hatte. Man wundert sich dann weniger darüber, ihn in den letzten Jahren seines Lebens völlig verängstigt zu sehen, und darüber, daß er niemanden mehr, weder Bauer noch Diener, zu sich hereinläßt, aus Angst, es könnte sich um einen Agenten der CIA handeln oder der dominikanischen Regierung oder irgendeiner Organisation exilierter dominikanischer Revolutionäre. Die Wahrheit ist, Alonso wurde alt. Als er sich in Frankreich, nicht weit von Magny-en-Vexin, niederließ, war er ein gebrochener Mann. Gebrochen genug jedenfalls, um zu beschließen, sich nicht mehr vom Fleck zu rühren. Erinnern wir uns im übrigen, daß es sich um einen Mann handelt, der, als die Witwe eines Verurteilten nicht an den Tod ihres Mannes glauben wollte, dieser per Postpaket den Kopf des Toten schicken ließ – mit irgendwas zwischen den Zähnen. Und geben wir zu, auch wenn seine Befürchtungen unvernünftig waren, sie hatten eine reale Grundlage.
Er hatte selbst dem Briefträger verboten hereinzukommen. Der Postbote hinterlegte die wenigen Briefe in einem Kasten am Straßenrand, am Gittertor des Anwesens. Für den Fall, daß der hät-te drübersteigen wollen, und überhaupt für alle Fälle, hielt Alonso einen Kampfhund, ein Bullmastiffweibchen.
So waren die Felder rund um das Wohnhaus nicht bestellt und brachten folglich nichts hervor, und das Innere des Hauses verwahrloste mehr und mehr, mangels Personal. Die Bauern der Umge-bung murrten angesichts dieses brachliegenden Landes. Sie sprachen einige Male davon, deswegen zu demonstrieren. Und bestimmt hätten sie sich eines Tages auch dazu entschlossen. Alonsos Tod hat dieses Problem gelöst.
Zuvor, in den letzten Tagen seines Lebens, gab Alonso gewöhnlich um fünf oder sechs Uhr morgens seine Versuche auf einzuschlafen. Er verließ sein zerwühltes Bett und sein Zimmer im ersten Stock. In der großen Küche bereitete er sich ein englisches Frühstück zu, bestehend aus Obstsaft, einem Teller Getreideflocken mit Milch sowie einem warmen Gericht, dazu starken Tee und zum Abschluß Toastscheiben, die er diagonal zerteilte, bevor er sie mit einer dünnen Schicht Butter und einem Film Honig oder Orangenmarmelade bestrich.
Nach diesem Frühstück zog Alonso einen Trainingsanzug an und lief lange in Gesellschaft seiner Bullmastiffhündin namens Elizabeth in kleinen Schritten über seinen Besitz, über das von Unkraut überwucherte Land. Danach kehrte er ins Haus zurück und rührte sich den ganzen Tag nicht mehr vom Fleck, außer um auf das Klingelzeichen der Lieferanten zu reagieren. Dann be-obachtete er mit einem sehr guten Fernglas das Gittertor durch ein Fenster im Erdgeschoß. Wenn er zufrieden war, trat er aus dem Haus und ging, mit einem Colt Officer’s Target, Kaliber .38 long, bewaffnet, zum Gittertor. Dort nahm er die Lieferung von Lebensmitteln, die man ihm gebracht hatte, in Empfang. Er duldete es nicht, daß der Bote das Anwesen betrat, und trug die Lebensmittel selbst zum Haus. Manchmal handelte es sich dabei um schwere Lebensmittel, beispielsweise um eine Kiste Whisky, und während Alonso die Kiste zum Haus trug, schwitzte er sehr heftig und bekam ein unkontrolliertes Zittern in den Waden und auch im Mundwinkel.
Im Salon seines Wohngebäudes stand eine westdeutsche Hi-Fi-Anlage der Marke Sharp. Diese staubte Alonso immer sorgfältig ab, während alle übrigen Möbelstücke und Einrichtungsgegenstände in seinem Domizil beinahe nie gesäubert wurden und heillos mit einer fettigen Schmutzschicht überzogen waren. Alonso staubte auch die quadrophonischen Lautsprecherboxen ab, die sich fast überall im Haus befanden, so daß die von der Anlage kommende Musik überall gehört werden konnte, selbst in den beiden Klos und den beiden Badezimmern. Alonsos musikalischer Geschmack war grundverschieden von dem Georges Gerfauts. Die Schallplattensammlung von Alonso kann man in drei Kategorien unterteilen. Zunächst klassische Musik von Bach, Mozart oder Beethoven. Dann schmalzige amerikanische Unterhaltungsmusik wie Tony Bennett und Billy May. Diese Platten hörte sich Alonso nie an. Was er sich pausenlos anhörte, sobald er seinen Spaziergang mit Elizabeth beendet hatte, waren Sachen von Tschaikowsky, Mendelssohn, Liszt...
Während er diesen Musikstücken lauschte, hockte Alonso in seinem Büro im Erdgeschoß, hinter dessen ständig verschlossenen Fenstern sich die von Unkraut überwucherten Felden erstreckten, und er verfaßte, den Colt Officer’s Target neben sich auf einer Ecke des Schreibtischs, seine Memoiren mit einem Parker-Füller auf Durchschlag-papier. Er schrieb sehr langsam. Häufig schrieb er nicht einmal eine ganze Seite, bei zehn oder fünfzehn Stunden Arbeit.
Er aß nicht zu Mittag. Abends, gegen 18 Uhr 30, aß er in der Küche Konserven und Obst. Anschließend räumte er das Geschirr in eine Geschirrspülmaschine, wo es sich zu dem vom Frühstück hin-zugesellte. Danach arbeitete Alonso noch ein paar Stunden weiter, schaltete die Musik ab, setzte die Geschirrspülmaschine in Gang, stieg mit einem Buch ins obere Stockwerk hinauf und legte sich in sein ungemachtes und zerwühltes Bett. Er wartete auf den Schlaf, und der Schlaf kam nicht. Alonso hörte, wie die Geschirrspülmaschine unten in die verschiedenen Phasen ihres Waschprogramms wechselte, mit Pausen und Klicken. Er las unterschiedslos Englisch, Spanisch wie Französisch, hauptsächlich Memoiren von hohen Militärs oder Staatsmännern, wie Liddell Hart, Winston Churchill, De Gaulle, oder Militärromane, vor allem Sachen von C.S. Forester. Er hatte auch einige Nummern der scharfen amerikanischen Zeitschrift Playboy. Jeden Abend onanierte er dann und wann ohne großen Erfolg. So stand er abends mehrmals wieder auf und irrte durch das Haus, sein Buch in der Hand, sein Mittelfinger steckte als Lesezeichen darin, und manchmal desgleichen sein müdes Glied, das aus dem Hosenschlitz seines Pyjamas heraushing, und er kontrollierte, ob sämtliche Fenster gut verschlossen waren. Sie waren es immer. Und dann gab er dem Bullmastiffweibchen Elizabeth eine Extraportion Fleisch. Georges Gerfaut hat auch Elizabeth getötet.

 

Georges Gerfaut fuhr in seinem Mercedes über die Route Nationale 19, er hatte gerade Vendeuvre hinter sich gelassen und fuhr jetzt, mitten in der Nacht, auf Troyes zu, aus den beiden Lautspre-chern kamen Sachen von John Lewis, Gerry Mulligan und Shorty Rogers. Links und rechts baute sich die Finsternis wie eine Mauer auf und zog mit 130 Stundenkilometern an ihm vorbei. Da überholte der Citroën DS.
Er hatte sich kaum angekündigt, nur im letzten Augenblick kurz mit den Scheinwerfern geblinkt, und schon war er in einer unübersichtlichen Kurve an dem Mercedes vorbeigerast, schlingerte ein wenig, als er wieder scharf einscherte, und verschwand so schnell in der nächsten Kurve, daß Gerfaut nicht einmal die Zeit hatte, «so ein Arschloch» zu murmeln.
Zehn Minuten später sah er ihn wieder. Zwischenzeitlich war nichts passiert, außer daß Gerfaut einen alten Peugeot-Lieferwagen mit ungenügender Beleuchtung überholt hatte und selbst wiederum von einem kleinen, knallroten Flitzer, wahrscheinlich einem italienischen, überholt worden war. Sonst nichts. Da erfaßten seine Schein-werfer plötzlich etwas am Rande der Dunkelheit. Gleichzeitig sah Gerfaut stillstehende Rücklichter auf der Straße; er nahm den Fuß vom Gas; die Rücklichter setzten sich in Bewegung und wurden buchstäblich von der Nacht aufgesogen (doch vielleicht standen sie ursprünglich gar nicht still; eine optische Täuschung vielleicht). Der DS jedenfalls stand still und außerhalb der Fahrbahn, ein Kotflügel im Graben und der andere mit einem Baumstamm verkeilt und völlig zerknautscht, eine Tür war abgerissen, zehn oder zwölf Meter weit geflogen und lag halb auf der Fahrbahn, halb auf dem Gras des Randstreifens, die Scheibe wie zu Staub zersplittert – Gerfaut sah dies alles mit ei-nem Blick, während der Mercedes mit auslaufender Geschwindigkeit an dem Wrack vorbeifuhr, es hinter sich ließ, die herausgerissene Tür hinter sich ließ, der Tachometer des Mercedes zeigte noch 80 an, und Gerfaut war versucht, wieder zu beschleunigen; was ihn davon abhielt war, mehr als der Sinn für Anstand oder ein kategorischer Imperativ, die Vorstellung: da irgendwo im Dunkeln sind bestimmt die Leute aus dem DS und schreiben sich vielleicht dein Kennzeichnen auf – unterlassene Hilfeleistung! Gerfaut bremste, nicht abrupt, mit einem gewissen Mangel an Überzeugung, und kam achtzig oder hundert Meter weiter zum Stehen.
Dort hinten verschwanden Rücklichter (der italienische Flitzer? Ein Lancia Beta Berlina 1800?) endgültig in der Nacht. Gerfaut schaute sich ängstlich um, sah hinter sich nichts als Dunkelheit. Der DS war inzwischen ebenfalls von ihr verschlungen worden. Noch immer gequält von der größten Lust, seine Fahrt einfach fortzusetzen, murrte der Mann etwas vor sich hin, während er den Rückwärtsgang einlegte und in leichten Schlangenlinien zum Ort des Unfalls zurückfuhr.
Er stellte den Mercedes auf dem Randstreifen zwischen zwei Bäumen neben der abgerissenen Wagentür ab. Das Kassettengerät spielte Two Degrees East, Three Degrees West. Gerfaut schaltete das Gerät aus. Vielleicht würde er scheußlich verstümmelte Leichen entdecken, ein kleines Mädchen mit von Blut klebrigen Zöpfen oder aber Verletzte, die mit beiden Händen ihre Eingeweide hielten, es wäre nicht angebracht, so was mit Musikbegleitung zu machen. Er stieg aus dem Mercedes, seine wasserdichte Stablampe in der Hand, die er sogleich auf die Seite des DS richtete. Zu seiner Erleichterung sah er bloß einen Mann, und der stand aufrecht. Ein kleiner Mann: gekräuseltes blondes Haar, der Ansatz einer Glatze, eine spitze Nase, eine Brille mit Plastikrand. Das rechte Brillenglas war deutlich gesprungen. Der Mann trug einen kurzen, sportlichen Mantel und eine kastanienbraune Breitkordhose. Er blick-te Gerfaut mit großen verängstigten Augen an. Er stützte sich gegen die Motorhaube des DS, auf der rechten Seite, und keuchte.
«Ganz ruhig!» meinte Gerfaut. «Wie geht’s? Ist Ihnen nichts passiert? Alles klar?»
Der Mann machte eine undeutliche Bewegung, vielleicht schüttelte er den Kopf, fiel beinahe um. Gerfaut trat besorgt näher heran. Sein Blick blieb zufällig an dem feuchten und dunklen Fleck hängen, der sich sehr dezent an der Seite des Mannes auf dem dunklen und flauschigen Stoff seines Man-tels abzeichnete.
«Sie sind da an der Seite verletzt», sagte Ger-faut (und sein Verstand beschwor unwillkürlich den Geruch des Blutes und seinen Geschmack her-auf, und Gerfaut sagte sich: verdammt, ich kotze gleich).
«Krankenhaus», sagte der Mann, und seine Lippen bewegten sich noch weiter, doch er schaffte es nicht, noch irgend etwas hinzuzufügen.
An der linken Seite blutete er. Gerfaut packte seinen rechten Arm, legte ihn sich um den Hals, und begann, den Verwundeten zu stützen und Richtung Mercedes zu schleppen. Ein Auto unbekannter Marke fuhr aufheulend mit hohem Tempo vorbei.
«Können Sie gehen?»
Der Verwundete antwortete nicht und ging. Er biß die Zähne zusammen. Schweißtropfen perlten auf seiner kahlen Stirn und über seiner Oberlippe, wo kurze Stoppeln sprossen.
«W’nn die wied’kommen...» murmelte er.
«Hm? Was?»
Doch der Mann wollte oder konnte nicht weiter sprechen. Sie erreichten den Mercedes. Gerfaut half dem Verletzten, sich an den Wagen zu leh-nen, öffnete hinten die rechte Tür. Der Mann klammerte sich an die Lehne des Vordersitzes und zog sich rücklings langsam auf den Rücksitz.
«O Scheiße, Scheiße, ich blute, ich blute», sagte er traurig und verbittert. (Er sprach mit Pariser Akzent.)
«Wird schon wieder. Wird schon wieder.»
Gerfaut schob die Beine des Verletzten ins Innere, schlug die hintere Wagentür zu, stieg schnell vorne ein. Er dachte, daß das Blut das Leder der Sitze verschmutzen werde; oder er dachte gar nichts. Der Mercedes setzte sich in Bewegung. Auf der Fahrt sagte Gerfaut nicht sonderlich viel, und der Verwundete überhaupt nichts.
In weniger als zehn Minuten befanden sie sich in Troyes. Es war 0 Uhr 20. Und kein Flic in Sicht. Gerfaut wandte sich an einen späten Passanten. Man erklärte ihm den Weg zu einem Krankenhaus. Der Passant war betrunken, die Wegbeschreibung konfus, Gerfaut verfuhr sich etwas, verlor Zeit. Hinten im Wagen hatte sich der Verletzte mit Mü-he, aber ohne zu klagen, seinen Mantel ausgezogen. Darunter trug er einen schwarzen Rundhalspullover. Er hatte seinen Mantel zweimal zusam-mengelegt und preßte ihn nun gegen seine Seite, um die Blutung zu verlangsamen. Im selben Augenblick verlor er das Bewußtsein, und sie erreichten das Krankenhaus. Gerfaut hielt abrupt vor der Notaufnahme. Er stürzte aus dem Auto und rannte bis zum Eingang einer schlecht beleuchteten Vor-halle.
«Eine Trage! Eine Trage! Schnell!» brüllte er, lief zum Wagen zurück und riß die hintere Tür auf.
Niemand kam aus dem Krankenhaus. Rechts von der verglasten Vorhalle sah Gerfaut einen großen ebenfalls verglasten Raum mit einer Empfangstheke und zwei Mädchen in weißen Kitteln hinter der Theke sowie vier weitere Personen im Raum, ein Algerier und ein älteres Ehepaar saßen auf Stühlen aus Metallrohr und Plastik, und ein dreißigjähriger Typ mit weißlicher Gesichtsfarbe und schlaffen Wangen, im Anzug, ohne Krawatte, lehnte an der Wand und kaute an seinen Nägeln.
«Also, was ist denn nun, verdammt noch mal?» schrie Gerfaut.
Zwei Krankenpfleger kamen mit einer Rollbahre durch die Halle.
«Wir kommen schon», bemerkten sie.
Sachkundig kümmerten sie sich um den Verletzten, legten ihn auf die Bahre und machten sich schnurstracks durch die Halle und weiter davon. Bevor sie ganz verschwunden waren, drehte sich einer der beiden noch einmal zu Gerfaut um, der ihnen zögernd folgte.
«Der muß noch angemeldet werden», erklärte der Krankenpfleger.
Gerfaut war bereits vier oder fünf Meter weit in der Halle und befand sich vor der offenen Seitentür zur Aufnahme. Das ältere Paar und der Algerier hatten sich nicht bewegt. Der dreißigjährige Typ ohne Krawatte stand nun am Empfangsschalter. Er hatte ein Formular vor sich und einen Kugelschreiber in der Hand und redete wie ein Wasserfall auf eines der Mädchen in Kitteln ein.
«Ich kenne sie nicht», sagte er. «Ich hab sie auf meiner Fußmatte gefunden und hab genau gesehen, daß sie irgendwelche Sachen geschluckt hat, ich konnte sie doch nicht einfach so liegen lassen, also hab ich sie in meinem Wagen hergebracht, aber ich weiß nicht, wer sie ist, ich kenne sie nicht, ich weiß nicht einmal ihren Namen, nur weil die sich unbedingt auf meiner Fußmatte hat um-bringen wollen, oder was?»
Schweiß lief ihm über die weiße Stirn.
Gerfaut holte eine Gitane-Filter heraus, machte langsam kehrt, als ob nichts wäre, den Blick wie von ungefähr auf den Boden gerichtet. Er verhielt sich wie ein Typ, der sich Sorgen macht, zerstreut vor die Tür geht, nur mal eben, um einen Sargnagel zu rauchen. War aber gar nicht nötig: Niemand beachtete ihn mehr. Als er draußen war, stieg er wieder in seinen Wagen und fuhr schnell davon. Nach einer Weile platzten ein Assistenzarzt und ein Gendarm ohne Käppi in die Aufnahme und fragten lautstark, wo die Person sei, die den Angeschossenen hergebracht habe.

 



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