Programm Allgemeine Belletristik

Makabre Machenschaften am Boul' Mich'

Malet, Léo

 

 

«Im Stadtplan lauert der Tod - Der Privatdetektiv Nestor Burma und die Geheimnisse von Paris:
Er ist wieder da. In handlichen schwarzen Hardcover-Ausgaben, die Stadtpläne der jeweiligen Arrondissements, in denen die Geschichten spielen, sowie einen literarischen «Nachgang» enthalten, legt der Heilbronner Distel-Verlag die Reihe um den Pariser Privatdetektiv Nestor Burma neu auf. In den 1950er Jahren erstmals erschienen, haben die Romane von Léo Malet (1909-1996) nichts von ihrem ironischen Klang, ihrem Spielwitz und eigenwilligen Spannungsaufbau verloren. Der Anarchist Malet kannte seine Pappenheimer Hammett, Chandler, Cain und die anderen so gut, dass er deren Art, städtische Gesellschaftsschichten abzubilden, mit Links kopieren konnte, ohne sich auf französischem Boden mit pseudoamerikanischer Coolness lächerlich zu machen. Vom ersten Nestor-Burma-Roman an schrieb Malet unverwechselbar, und die Übersetzungen von Katarina Grän bestätigen seinen literarischen Rang bis heute aufs schönste.
«Schließlich setzte sie sich und zog ihren Rock über die Knie, um die Spitze eines lila Unterrocks zu verbergen, die durch die Bewegung vorwitzig hervorgeblitzt war. Trotz ihres Äußeren war an diesem Mädchen keine Spur von Herausforderung. Sie war, wie sie war, und so musste man sie nehmen. Schließlich konnte sie sich nicht die Titten abschleifen, weil sie ein klein wenig keck hervortraten, oder ihre wohlgeformten Beine in Gummistrümpfe zwängen, um niemandes Neid zu erwecken. Sie war einfach ein hübsches, junges Mädchen, das man gern beschützt und getröstet hätte . . .» Mit dem Auftritt von Jacqueline Carrier beginnt Nestors Abstieg in die Unterwelten des Quartier Latin im 5. Arrondissement, wo er die Gründe für den Tod eines Studenten herausfinden soll (Léo Malet, Makabre Machenschaften am Boul’ Mich. Aus dem Französischen von Katharina Grän. Distel Literatur Verlag, Heilbronn 2008. 216 S., 14,80 Euro).
Warum hat sich der 20-jährige Paul Leverrier, Sohn aus gutem Hause, Nachkömmling namhafter Ärzte, in seinem 2 CV eine Kugel in den Kopf geschossen? Und hat er das überhaupt getan oder wurde er ermordet? Diese Vermutung nämlich hegt seine Freundin Jacqueline, auch dann noch, als Nestor Burma von seinen Freunden bei der Kripo längst Einzelheiten über den Tatort erfahren hat. «Paul Leverrier hatte sich aus noch ungeklärten Gründen schlicht und einfach das Leben genommen, und der Schuldige war er selbst . . .» Doch die Liebe ist stärker als die Wahrheit, und so will Nestor auf Drängen Jacquelines Licht ins Dunkel der Familie Leverrier bringen. Seine Nachforschungen - «Scheinermittlungen» nennt sie der genervte Kommissar Faroux - führen ihn in die Gefilde des Magiers, Scharlatans und Opiumhändlers Van Straeten und ins Umfeld einer Clique von Studenten, in der die junge Yolande und deren Geliebter, der dunkelhäutige Toussaint, bald eine tragische Rolle spielen werden.
Blut fließt im 5. Arrondissement, der heldenhafte Detektiv, anfangs allein gelassen von seiner grippekranken Sekretärin, wird nicht verschont. Zum Schutz gibt er sich als Gasmann aus. «Der Held, der so dicht neben der Tür stand, hätte nur einen Blick durchs Schlüsselloch zu werfen brauchen, um zu erkennen, dass er es nicht mit einem Auftragskiller zu tun hatte. Und warum stieg der Gasmann die Treppen dann so langsam hinauf? Spannung. Immer nur Spannung. Ich bin angespannt, also schwitze ich.»
Ironie und Irrwitz prägen diesen Roman. Malet kennt sich aus, in Paris, im Krimigenre, in der Liebe und dem, was davon übrig bleibt am Ende der Moral. Obwohl: Moral, was ist das? Oder: Sondervollmachten. «Hat man Ihnen eine erteilt?» fragt Kommissar Faroux. Darauf Burma: «Ich habe mir selbst eine genehmigt, und zwar an dem Tag, an dem ich meinen Fuß in dieses Metier gesetzt habe. Ich brauche nicht die Meinung von sechshundert Hornochsen, die in einem fensterlosen Stall versammelt sind.»
In diesem Moment sieht man Philip Marlowe über den Ozean winken, und Sam Spade dreht sich zustimmend eine Zigarette, während Nestor Burma seine Stierkopf-Pfeife anzündet, um ein paar klare Gedanken zu fassen. So wenig Léo Malet die Hardboiled-Attitüden der Helden seiner Kollegen einfach nur kopiert, so wenig folgt sein Ich-Erzähler Nestor Burma den festgelegten Wegen realer Stadtpläne. Zwar existieren die Stadtteile, in denen er unterwegs ist, auch bestimmte Straßen, Gebäude, Plätze und Parks könnte ein wachsamer Spaziergänger in Paris aufspüren, oft allerdings nicht genau so, wie sie im Buche stehen. Denn Malet war ein charmanter Trickser, ein Spieler im Spiel des Genres, der sich selbst ungeniert und launig in seinen Romanen als realer Dichter und Chansonnier in Erinnerung rief. Mit Nestor Burma Verbrechen aufzuklären, bereitet pures Vergnügen. Mögen die Methoden des Detektivs gelegentlich etwas altmodisch anmuten, die anarchische Grandezza seiner Auftritte bleibt davon unberührt.»

Friedrich Ani, SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 

 

Nestor Burma enthüllt Pariser Geheimnisse: Léo Malet (1909–1996) kannte das Stadt- und das Berufsleben. Er war Clochard und Chansonier, Filmstatist und Journalist, Ghostwriter und Herausgeber. Nur eines war er selten: zufrieden. Seinem großen Schaffensdrang ist es geschuldet, dass er sich drei Jahrzehnte lang an einer einzigen Romanreihe abarbeitete: den Krimis um den Pariser Privatschnüffler Nestor Burma. 1942 erschien der Auftakt der Serie unter dem Titel «120, Rue de la Gare». Gemeinsam mit den folgenden 14 Büchern wurde daraus der faszinierende Zyklus «Die neuen Geheimnisse von Paris» – eine Anspielung auf «Die Geheimnisse von Paris», ein wuchtiges Prosa-Melodram, mit dem Eugène Sue in den Vierzigern des 19. Jahrhunderts zum Star avancierte. Auch sonst setzt der vom Surrealismus beeinflusste Malet alles daran, sich an berühmten Vorbildern abzuarbeiten. Zumal an den Hard-Boiled-Krimis von Raymond Chandler, dessen maulfaules Raubein Philipp Marlowe der launige Nestor Burma virtuos persifliert. Neben ihrem schwarzen Humor überzeugt die Reihe durch genaue Stadtkenntnis: Monsieur Malet hat seine 15 Bücher topografisch so arrangiert, dass jedes von ihnen in einem anderen Pariser Arrondissement spielt. So sind ihm nicht nur kluge Krimis, sondern zudem süffige Stadtporträts und Sittengemälde gelungen. Es ehrt den Heilbronner DistelLiteraturVerlag, dass er die Abenteuer Nestor Burmas jetzt in seiner Reihe «Série Noire» neu auflegt. Den Beginn machen «Corrida auf den Champs-Élysées» und «Makabre Machenschaften am Boul' Mich'» – beide Titel in zeitgemäßer Übersetzung von Katarina Grän und mit dem unverzichtbaren Pariser Stadtplan.

Hendrik Werner, DIE WELT

 

«Zum Schluß noch ein Hinweis. Nämlich auf einen weiteren Versuch - nach mehreren bisherigen - den französischen Schriftsteller Léo Malet in Deutschland bekannt zu machen. Der DistelLiteraturVerlag in Heilbronn ist der Tapfere. [...] Und ich kann das nur unterstützen, denn Léo Malet, der in den 40ern und 50ern seine Pariser Kriminalromane geschrieben hat, gehört zur originellen Fraktion der Krimi-Autoren und die sind selten. Er sei die französische Antwort auf die amerikanische hard-boiled Krimis und sein Detektiv Nestor Burma der legitime Nachfahre Philip Marlowes, heißt es. Schon richtig, aber Nestor Burma ist weder so trocken-sarkastisch wie Marlowe noch so moralisch wie der. Er ist eher ein Spieler, der mit allem rechnet. Und schon die Namen: Philip Marlowe, das können Sie auch mit zusammengebissenen Zähnen aussprechen, aber Nestor Burma. Darauf muß man erst mal kommen. Das Besondere an dieser ganzen Burma-Reihe ist, dass die einzelnen Romane in jeweils einem Pariser Arrondissement spielen und dessen speziellem Milieu. Also in seinen Büchern eine Art kriminelle Topografie von Paris entsteht. Sinnvollerweise enthalten die übrigens wunderschön gemachten Bände die Karte des entsprechenden Stadtteils und andere lokale Hinweise.

Uwe Kossack, SWR2, in: Forum Buch, Buchtipp

 

 

 



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