Fatale

Manchette, Jean-Patrick

 

Die Jäger waren zu sechst. Es waren überwiegend Männer so um die fünfzig oder älter, sowie zwei junge mit spöttischem Gesichtsausdruck. Sie trugen karierte Hemden, Lammfellwesten, wasserdichte khakifarbene Umhänge, mehr oder weniger hohe Schaftstiefel und Schirmmützen. Einer der beiden jungen Typen war mager, und auch einer der Fünfzigjährigen, ein Apotheker mit Brille, mit weißem Haar und Bürstenschnitt, war ziemlich schlank. Die anderen Jäger waren dickbäuchig und sanguinisch, vor allem Roucart. Sie hatten doppel- und dreiläufige, mit feinem Schrot geladene Flinten, denn man jagte Federwild. Sie führten drei Hunde mit, zwei Bracken und einen Gordon Setter. Irgendwo nordöstlich mußten noch andere Jäger sein, denn einen oder anderthalb Kilometer entfernt fiel ein Schuß, dann ein zweiter.
Die Männer hatten das Ende der feuchten Heide erreicht. Sie liefen noch etwa zehn Meter an jungen, kaum mannshohen Birken vorbei, dann kam auch schon Wald mit großen, rauschenden Bäumen, vor allem Birken und Pappeln, und Unterholz. Die Gruppe ging jetzt nicht mehr so dicht. Überall waren Pfützen. Aus nordöstlicher Richtung war von fern wieder das dumpfe Ballern von vier oder fünf Gewehrschüssen zu hören. Etwas später hielt man bewußt großen Abstand voneinander. Seit drei Stunden waren sie auf der Jagd und hatten noch nichts erlegt. Sie waren frustriert und schlechtgelaunt.
Irgendwann stieg Roucart in eine schmale, feuchte Schlucht, in der viel verrottetes Laub lag. Er hatte einige Mühe beim Hinuntersteigen, weil ihn sein dicker Wanst nach vorn zog: er mußte sich ständig mit den Hacken abstemmen und den Kopf dabei nach hinten strecken. Sein Kopf hatte die Form einer Birne, lief nach oben hin spitz zu, sein kahler, roter Schädel war mit einer grünbraun gescheckten Mütze bedeckt, wie sie Spezialeinheiten tragen. Roucart hatte ein gerötetes Gesicht, strahlendblaue Augen, weiße Augenbrauen, eine kurze Stupsnase mit großen Nasenlöchern und weißen Haaren darin. Unten in der Schlucht machte er halt, um zu verschnaufen. Er stellte seine Flinte an einen Baum und lehnte sich mit dem Rücken an den Stamm. Mechanisch tastete er in seiner Brusttasche nach einer Zigarette, dann erinnerte er sich, daß er vor drei Wochen mit dem Rauchen aufgehört hatte und ließ die Hand wieder sinken. Er war enttäuscht. Plötzlich krachte weniger als hundert Meter entfernt ein Gewehrschuß, gleich danach bellte ein schlecht abgerichteter Hund kurz auf. Roucart hatte keinen Hund. Er blieb mit seinem dicken Hintern an dem Baum kleben, streckte seinen Oberkörper vor und lauschte aufmerksam, mit halboffenem Mund in die Richtung, aus der der Knall gekommen war. Doch er hörte nur das Rauschen der Blätter, und daß hinter ihm jemand in die Schlucht kam. Schwerfällig drehte er den Kopf und sah die junge Frau, die vier Schritte von ihm entfernt reglos unten am Hang stand. Sie war zierlich, trug einen langen, hellbraunen Wachstuchmantel, Pataugas-Schuhe und einen runden Regenhut auf dem langen braunen Haar. Über ihrer Schulter hing eine 16er-Flinte.
«Donnerwetter, wen haben wir denn da? Das ist doch Melanie Horst!» rief Roucart, nahm schleunigst seinen Hintern vom Baum und zog den Bauch ein. «Das ist aber eine Überraschung! Wie ist das möglich? Ich dachte, Sie hätten uns für immer verlassen, mein liebes Kind...»
Sie lächelte andeutungsweise. Sie mochte etwa dreißig oder fünfunddreißig Jahre alt sein und hatte braune Augen und feine Gesichtszüge. Durch ihr angedeutetes Lächeln waren ihre kleinen regelmäßigen Zähne ein wenig zu sehen. Roucart ging auf sie zu und nannte die junge Frau mit väterlicher Stimme sein liebes Kind, während er mit seinen großen blauen Augen unablässig an den Konturen ihres schlanken Körpers entlangfuhr. Er war äußerst verwundert, sie hier zu treffen, wo sie doch nie auf die Jagd ging und sich zudem gestern nachmittag von allen verabschiedet hatte und mit dem Taxi zum Bahnhof gefahren war.
«Ist das eine Überraschung, so eine Überraschung aber auch!» rief er aus, da nahm sie die 16er-Flinte in die Hand, richtete sie auf ihn, und noch bevor er aufgehört hatte zu lächeln, schoß sie ihm aus beiden Läufen die volle Ladung in den Bauch.
Dann lag er auf dem Rücken im verrotteten Laub am Abhang. Sein Rumpf war durchlöchert, sein khakifarbener Umhang hatte sich bei dem Sturz bis zum Kinn hochgeschoben und sein kariertes Hemd war ihm halb aus der Hose gerutscht. Roucarts kahler Kopf hing nach vorn, seitlich verdreht mit der Wange im Dreck, Augen und Mund standen offen, seine Mütze lag verkehrt herum auf dem Boden. Speichel glänzte in dem Mund des Mannes, seine Lider zuckten kurz, dann starb er. In der Ferne waren ganz schwach drei Schüsse zu hören. Die junge Frau ging weg.

 



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