Cuba. Gedichte über die Liebe. Um sieben in...

Oliver, Carilda

NACHWORT von Joaquín Baquero

 


Nonne oder Nutte. Die Lust, Geliebte und Mörderin in einem zu sein. Metaphysik. Newtons Lehrsatz. Der Zuckerpreis und die Blockade. Nekrophile Leidenschaften, die sich an «einem verschwommenen Gott, einem bezwungenen Beben» entzünden. Verse von großer Zärtlichkeit, die das Werk der Dichterin prägt. Sie besitzt eine «Zauberkiste», ein schier unerschöpfliches poetisches Füllhorn, aus dem sie Vorsätze, Ankündigungen, Tränen, Spiegel, Selbstgespräche, Lobreden, Klagelaute und Liebesseufzer schüttet. Pandora der Tropen. Siedende Flora. Treibsand unter ihren Brüsten. Herzogin von Pfeffer und Zwiebel mit einem Hofstaat aus Katzen, die sie, sterbend, ein letztes Mal mit dem Schwanz grüßen. Der Kater Ichi, der sie immer noch sieht, obwohl er blind ist. Das alles gehört zur ungeschminkten, nackten, zugleich unter lanzettförmigen Blättern verborgenen Poesie der Kubanerin Carilda Oliver Labra, die von spanischen Kritikern als eine der genialsten Dichterinnen unseres Planeten gerühmt wird. Experten siedeln sie auf dem Parnaß der von Frauen geschriebenen hispanoamerikanischen Lyrik an, zusammen mit der Nobelpreisträgerin Gabriela Mistral, mit Dulce María Loynaz, Alfonsina Storni, Delmira Agustini und Juana de Ibarbourou, alle längst verstorben.


Carilda, der Mythos, lebt in Matanzas, das von alters her das kubanische Athen genannt wird. In dieser Provinzstadt mit den vielen Brücken, nicht weit vom Seebad Varadero entfernt, ist sie geboren, will sie einst sterben. Alles in Carilda sondert Feuchtigkeit ab, Mythologie, «diesen Augenblick der Wildnis», wie sie in einem Gedicht geschrieben hat. Sie wagt es, Wörter wie Kaliumkarbonat, Essig, Topf, Hämmerchen, Phosphor, Wimperntusche, Bohnen, Exhumierung zu gebrauchen. Was in anderen banal klingen würde, verleiht Carildas Gedichten besonderen Glanz. Darin liegt das Geheimnis ihrer Kunst, die immer persönlich ist, unnachahmlich, unfaßbar für klamme Philisterhände.


Ich habe sie vor dreißig Jahren kennengelernt, Anfang der Siebziger. Damals galt es als unschicklich, sie zu besuchen oder auch nur ihren Namen zu erwähnen. Wer es trotzdem tat, machte sich beinahe einer Gesetzesübertretung schuldig. Denn sie war geächtet, diese Frau mit fünfzehn oder achtzehn Katzen. Diese Frau mit Verwandten in Miami. Diese Frau mit einem zwanzig Jahre jüngeren Ehemann, der Messer gegen die Wände wirft. Diese Frau mit liederlichen Freunden, die behaupten, Künstler zu sein. Diese Frau ohne Kinder. Diese Frau, die die Nacht zum Tag macht und sich bei Sonnenaufgang schlafen legt. Diese Frau, die pornographische Gedichte schreibt. Diese ganz andere, sonderbare Frau. Ihr Name wurde von offiziellen Stellen totgeschwiegen, ihr Werk von den Verlagen ohne Begründung abgelehnt. So war das damals in Kuba, in der Ära unbarmherziger Säuberungen: jemand fiel «in Ungnade», ohne den Grund hierfür zu erfahren. Der Sozialistische Realismus feierte seine grauen Triumphe. Da blieb kein Platz für eine derart authentische Persönlichkeit. Außerdem war Carilda blond, bekannt, extravagant, weckte das Interesse ausländischer Journalisten. Das ging zu weit. Das Schönheitsideal, das sie verkörperte, wurde als kapitalistisch angesehen. Das blonde Gift von Marilyn Monroe oder Marlene Dietrich... «Daß ich blond bin, hat mir hierzulande sehr geschadet», erzählte mir eine andere blonde Kubanerin, die temperamentvolle Sängerin Rosita Fornés. Eine Zeitlang durfte Rosita nicht im staatlichen Fernsehen auftreten, wo sie ein Idol, der absolute Star gewesen war. «Wir wollen keinen Starkult. Wir wollen keinen Individualismus. Alles, was in diese Richtung geht, ist ideologisches Abweichlertum.» Diversionismo ideológico, so hieß das Urteil, das für die damit Bezeichneten fatale Folgen hatte. Es wurde von biederen Funktionären

gefällt, die ihre Bäuche unter kurzärmeligen Guayaberas oder Khakihemden versteckten und mit Mappen voller Tabellen, Berechnungen und Planvorgaben herumliefen.


Das Verhalten gegenüber Carilda grenzte ans Absurde, denn sie war immerhin die erste Schriftstellerin, die Fidel ein Gedicht gewidmet hatte, 1957, als er noch ein junges Versprechen der Guerilla war. Überleben ist Zufall. Zum Glück kann sie heute auf die tragikomischen Auswüchse jener Zeit der Ungnade zurückblicken. Sie war Baum, Palme, und die kubanischen Palmen tanzen mit den Zyklonen, biegen sich im Sturm, bewegen sich aber nicht von der Stelle, dort im Yumuri-Tal, wo Carilda 1922 geboren ist, am Ufer des Río San Juan.


Ich bin der Schriftstellerin Mercedes García Ferrer, dieser großen Unbekannten, für immer dankbar, weil sie mir den Weg zu Carilda geöffnet hat. Mercedes schwamm gegen den Strom der veröffentlichten Meinung. Sie verbreitete Carildas Verse zu einer Zeit, als das alles andere als politisch korrekt war, und vergaß dabei ihr eigenes bedeutendes Werk. Sie verließ nur ungern ihre behagliche Wohnung in Vedado, wo sie durch Kartenlegen mit Geistern in Verbindung trat. Einen Martini und die Lieder von Pablo Milanés und Silvio Ro-dríguez - mehr brauchte sie nicht, um bei den Gesprächsrunden bei ihr zu Hause, gegenüber dem Hotel Capri, glücklich zu sein. Ihre Eloquenz war schuld daran, daß wir uns nach Matanzas aufmachten, zur «Nymphe des Traumas, Braut der Messer».


Wir fuhren mit dem Elektrozug von Herskey, dem ältesten Gefährt unter der Sonne. War das wirklich ein Zug, oder nur eine Fata Morgana auf Schienen? Campo Florido, Jaruco, Santa Cruz del Norte und andere dörfliche Idyllen blieben hinter uns zurück. Endlich erreichten wir das Ziel, die verzauberte Villa in der Calzada de Tirry Nummer 81. Dort empfing uns Carilda mit Tee, Gedichten und dem Gestank von Katzenscheiße, den wir in unserer Verzückung für Sandelholz und Weihrauch hielten. Die hohe Fassade. Der dunkle, riesengroße, heruntergekommene Salon. Die wackligen Sessel einer armen Diva der Poesie und der einfache Atem ihrer betörenden Erscheinung. Es war die Zeit strenger Rationierung. Jeder Besuch bei unserer wundersamen Freundin war nur unter Verzicht auf viele warme Mahlzeiten möglich. Das war nicht wichtig. Der Zauber erregte uns. Wir fühlten uns wie Verschwörer. Wir unterhielten uns über harmlose Dinge, literarische Vorhaben, unmögliche Reisen, lang zurückliegende Begegnungen. Unsere Gastgeberin erzählte von der herben und strengen Chilenin Gabriela Mistral, die Carilda, geblendet von deren strahlenden Jugend, mit sich fortzog: «Komm Mädchen, laß uns vom Gras sprechen», oder davon, wie sie mit Hemingway irgendwo in der Bucht von Matanzas verschwand und alle Welt ihnen eine Liebschaft andichtete. Von der Taube, die ihr der spanische Lyriker Rafael Alberti auf eine Hand malte. Von ihrer Kühnheit, den Mulattendichter Nicolás Guillén zum Entsetzen der lokalen Bourgeoisie in das elitäre Lyzeum einzuladen. Von ihren berühmten Versen: «Ich bin außer mir, Geliebter, ich bin außer mir, / wenn ich in deinem Mund mich spüre, / und fast ohne Grund, fast nicht mehr hier, / dich mit der Spitze meiner Brust berühre», die ihr die Feindschaft der Damenriege von der Katholischen Aktion und den zweifelhaften Ruf einer erotischen Dichterin einbrachten.


Das waren unsere Gespräche im Haus Tirry 81. Harmlose Unterhaltungen, die sich für andere als perverse Vergnügungen darstellten. Ramiro Guerra, der große Meister des modernen Tanzes, improvisierte einen Soloauftritt, während der Autor Miguel Barnet rätselhaft lächelte, wie die Mona Lisa. Carildas Ehemann Félix Pons, der junge Karateke und Tenor, täuschte vor, uns mit Säbeln, Schwertern, Zangen und mit seinem gewaltigen Lachen zu töten, das plötzlich, viel zu früh, ersterben sollte. Auch Félix' Mutter wirkte wie ein Geschöpf aus einem surrealen Roman; gelegentlich eignete sie sich Carildas Persönlichkeit an, wobei sie nicht mehr aus der Rolle herausfand, die sie sich in ihrer Geltungssucht zugemutet hatte. Carildianische Nächte unter den Platanen im Hof, mit Katzen und Stimmen und dem sinnlichen Duft von Jasmin.


Siebzehn Jahre lang war Carilda geächtet. 1979 fanden Gedichte von ihr bei einem literarischen Wettbewerb der Nationalen Streitkräfte eine anerkennende Erwähnung. Dabei hätte sie den ersten Preis verdient. Aber es war immerhin etwas, vielleicht der Beginn des kulturpolitischen Tauwetters. Zur Preisverleihung sollte Carilda in die Hauptstadt kommen. Als ich davon erfuhr, bot ich ihr meine Wohnung als Bleibe an, was von manchen als schweres Vergehen angesehen wurde. Für mich war es ein elementarer Freundschaftsdienst und ein historischer Moment. Carilda schminkte sich vor einem alten, halbblinden Spiegel, den mir meine Freundin Natasha extra für diesen Anlaß geliehen hatte, während Félix, der Tenor und Karateke, nervös auf und ab lief, wie ein Vater, der auf die Geburt seines Kindes wartet. Neun Jahre später, als ich für das Spanische Fernsehen das Drehbuch für einen Dokumentarfilm über Kuba schreiben sollte, dachte ich sofort an Carilda. Der Regisseur Antonio Drove griff meinen Vorschlag auf, und so wurde die ihr gewidmete Sequenz zum Höhepunkt des ganzen Films.


Carilda gilt als Vox populi, als Braut Kubas, als Symbol für Lebensfreude und Liebesfähigkeit der Inselbewohner. In den sechziger Jahren schmückten das berühmte Foto, auf dem sie im schulterfreien Leopardentop zu sehen ist, und Abschriften ihrer stürmischen Verse die Wände in den Schlafsälen von Jungeninternaten, Kasernen und Zuchthäusern. Erotische Phantasien in Nächten heimlicher Tränen. Sexuelle Erlösung mit dem Blickfang einer unschuldigen Fotografie. Heilige Carilda der Halluzinationen, gib uns den Kuß, der unser Leben beseelt!


Trotzdem wäre es ungerecht, Carildas Gedichte nur unter dem Aspekt des Eros wahrzunehmen. Da sind auch die anderen Themen, auf die sie immer wieder zurückkommt: die Familie, der Tod, die Helden, die Freunde, die Tiere, die Erde. Jahrzehntelang wurde sie bei der Vergabe des Kubanischen Nationalpreises übergangen. Erst 1997 erhielt sie diese höchste literarische Auszeichnung - viel zu spät, wenn wir uns die anhaltende Intensität ihres Schaffens vor Augen führen. In der Popularität ihrer Werke übertrifft Carilda ohnehin alle anderen Schriftsteller des Landes.


Vor ein paar Jahren wurde sie von Fidel Castro im Palast der Revolution empfangen. Dabei soll er sie gefragt haben: «Carilda, stimmt es wirklich, daß du verboten warst? Das ist doch ungeheuerlich!» Wortlos, nur mit einem diplomatischen Lächeln, rettete sie die peinliche Situation. Carildas Lächeln ist halb verführerisch, halb schalkhaft, ein Zwielicht, das jäh aufhellt, wenn sie schallend lacht, bei sich zu Hause im verwahrlosten Salon, zwischen Katzen, die um ihre Beine streichen oder um den mit Büchern, Zeitschriften, Bildern und Papieren überhäuften Schreibtisch. Es ist dasselbe Lächeln, das sie mir im Krankenhaus geschenkt hat, eines Abends, nach einer schweren Operation. Die Sonne versinkt in dieser magischen Stunde im Meer. Es dämmert, und wir sind allein im Zimmer. Carilda blickt auf ihr Leben zurück. «Ich habe das Gefühl, daß alles so schnell war.» Die Sonne. Die Dämmerung. Das Leben. Sie hat ohne Zögern den Preis für ihr unkonventionelles Dasein als emanzipierte Frau gezahlt. Geliebt, geschmäht, berühmt, einsam, scheu, leidenschaftsvoll. Freie Frau, verbotene Frau. Würde sie etwas in ihrem Leben heute anders machen? Sie schaut mich mit ihren Katzenaugen an. Schöne Hexe, Diva der kubanischen Poesie. Sie lächelt verschmitzt, wie ein Mädchen, das gleich eine unartige Antwort geben wird: «Es ist schlecht, Reue zu empfinden. Ich würde mein verfehltes Leben noch einmal leben, Schritt für Schritt.»

 

 

«... Im vorliegenden Gedichtband ‹Um sieben in meiner Brust. Gedichte über die Liebe› macht Carilda ihrem Ruf als bedeutendste Dichterin Kubas alle Ehre. Erstmals werden die eindrucksvollsten und wagemutigsten Gedichte in spanischer und deutscher Übersetzung einer Leserschaft zugänglich gemacht. Von dem bislang unveröffentlichten ‹Die geschändete Madonna› über das frühe ‹Das Leiden kommt› bis hin zum aktuellen ‹Gespenst mit einem Vierteljahrhundert› verbinden die Gedichte eine leidenschaftliche, einsame aber auch kraftvolle Sicht auf die Welt im Allgemeinen und der Liebe im Speziellen.»
Literatur-Report



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