Engelfänger

Pouy, Jean-Bernard

 

Es war Nacht, und alles sah aus wie auf einer zu dunkel geratenen Fotokopie, der Himmel und das Meer gesättigt mit Graphitstaub bis in die kleinsten Elementarteilchen. Alles plätscherte dahin unter der dunklen Glocke des Firmaments, sachte wie lauwarmes Quecksilber.
Zwei gelbe Augen, das ungespiegelte Licht aus den Luken, deuteten auf ein Boot hin, allein inmitten der träge fließenden Wellen, deren tiefes Grau sich schwach gegen den Horizont abhob. Es war ein schnelles Boot, eine hochgezüchtete Rennjacht, die jetzt bedrohlich still dalag, versteckt in der undurchsichtigen Weite der hohen See.
Jérôme Kaspar warf einen Blick auf seine Quarzuhr, indem er leicht die Leuchttaste für das Zifferblatt niederdrückte. Rauchend stand er auf der Brücke seines Motorbootes und spähte hinüber zu dem reglosen Rumpf der Jacht, aus deren geschlossener Steuerkabine kein Laut nach außen drang. Von Zeit zu Zeit schaute er auf die Luke seines eigenen Bootes. Unter Deck, eingeschlossen in der kleinen Kajüte, betäubt von Beruhigungsmitteln, lagen die Kinder, niedergestreckt, und schliefen oder dösten vor sich hin.
Er war nur noch zweihundert Meter entfernt, stoppte den gedrosselten Dieselmotor ganz und wartete. Seine aufgerauchte Zigarette warf er ins Meer und zündete sich sofort eine neue an. Er mußte furzen vor Kälte und überließ es der nächtlichen Brise, etwaige üble Gerüche zu zerstreuen.
Mit einem erneuten Blick auf seine Armbanduhr stellte er fest, daß es genau zwei Uhr morgens war. Er pfiff dreimal kurz hintereinander. Vom Boot kam Antwort. Zwei Pfiffe. Er warf den Motor wieder an. Die Schiffsschraube wirbelte das Meer auf, die schweren Wogen wurden zu perlendem Mineralwasser.
Ein Bootshaken zog ihn dicht an den makellos weiß lackierten Rumpf der Jacht. Zwei Matrosen stiegen wortlos herunter zu seinem schaukelnden Boot. Sie öffneten die Deckluke, leuchteten mit einer Taschenlampe ins Bootsinnere, holten die drei schlafenden Kinder heraus und schwangen sie hoch auf das andere Boot. Wie tote Körper, dachte Jérôme Kaspar unwillkürlich. Bald werden sie ihren Geist aufgeben. Oder zu anderen Wesen werden. Aber ihm war es egal, Geschäft ist Geschäft. Und es bringt schließlich was ein.
Ein anderer Mann ist aufgetaucht. Die Schiffermütze sitzt ihm wie festgeschraubt auf dem Kopf. Jérôme kennt ihn, hat ihn schon in anderen mondlosen Nächten an Deck dieser Jacht gesehen. Er sieht aus wie alle Superreichen, die sich mit ihren schwimmenden Palästen in den Häfen der Côte breitmachen. Dieser reiche Mann betrachtet jetzt die Kinder, leuchtet eins nach dem anderen ungeniert mit der Taschenlampe ab; Lichtstrahlen, die in den verdrehten Augen der Kleinen nur ein schwaches Blinzeln bewirken. Und nun reicht ihm der reiche Mann wortlos ein Bündel Geldscheine. Mit angefeuchtetem Finger zählt Jérôme nach.
«Wie besprochen», sagt die Stimme von oben, «fünfzehntausend Francs pro Kopf... Ich hatte gesagt, Blonde. Aber es wird auch so gehen...»
Jérôme verstaut das Geld in einer Tasche.
«Am 10. also, zur gleichen Zeit. Mit einem anderen, einem blonden... Natürlich nur, wenn es sich machen läßt, aber es wäre schon gut... Man wird zwei Tage vorher mit dir Kontakt aufnehmen, wie üblich...»
«Nächsten Monat geht es nicht», antwortet Jérômes heisere Stimme.
«Und warum nicht?»
«Ich mache Urlaub. Mit meiner Frau. Zwei Monate. Muß zur Ruhe kommen und mich ein bißchen rar machen. Ganz Nizza ist in Aufruhr, die Zeitungen sind voll davon. Und man schließt sich schon zu Gruppen zusammen...»
«Laß sie doch. Das tun sie nur, um sich selbst zu beruhigen.»
«Nein, ich weiß schon, was ich sage. Schließlich arbeiten wir ja vor Ort...»
«Zu dumm», sagt der reiche Seemann, «wirklich zu dumm...»
In seiner Hand erscheint eine Pistole. Jérôme hat sie sofort gesehen. Trotz der nächtlichen Dunkelheit ist die Leichenblässe auf seinem fetten Gesicht deutlich zu erkennen. Er spricht, seine Stimme klingt nur schwach.
«Sie wissen genau, daß Sie sich auf mich verlassen können!»
«Ich weiß, ich weiß.»
Zwei Schüsse knallen. Jérôme Kaspars Kopf verändert sich. In einem ziemlich blutigen Sinn. In einem Krachen berstender Knochen. Sein Körper stürzt polternd quer über das Boot, seine Arme hängen schon im schwarzen Wasser. Einer der beiden Matrosen stößt ihm einen Bootshaken tief in den Rücken und zieht ihn dicht längsseits. Mit einer Axt in der Hand springt der andere Matrose hinunter auf den Fischerkahn. Nach zwei präzise geführten Hieben auf den hölzernen Bootsleib klimmt er wieder nach oben an seinen Arbeitsplatz.
Mit einem schwerfälligen Keuchen des Dieselmotors setzt sich die Jacht in Bewegung, wühlt das Wasser auf und entfernt sich. Im Wasser hängt der aufgespießte Körper von Jérôme Kaspar, brav folgt er dem Schiff, auf und nieder hüpfend unter dem wirbelnden Kielwasser.
Der verlassene Kahn wiegt sich leicht und sinkt langsam in die nasse Schwärze.
Nach und nach breitet sich unter dem sternenleeren Himmel wieder die Idylle einer mediterranen Nacht aus. 



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