Position: Anschlag liegend

Manchette, Jean-Patrick

 

 

Es war Winter, und es war Nacht. Ein eisiger Wind, der direkt aus der Arktis kam, verfing sich in der Irischen See, fegte über Liverpool, brauste durch die Ebene von Cheshire (wo die Katzen fröstelnd die Ohren anlegten, als sie ihn im Kamin fauchen hörten) und peitschte dem Mann, der in dem kleinen Bedford-Kastenwagen saß, durch das heruntergelassene Seitenfenster in die Augen. Der Mann blinzelte nicht.
Er war groß, aber nicht wirklich massig, mit einem ruhigen Gesicht, blauen Augen und braunem Haar, das gerade den oberen Rand der Ohren bedeckte. Er trug einen kurzen Mantel, einen schwarzen Pullover, Bluejeans sowie nachgemachte Clarks und hielt den Oberkörper gerade, den Rücken an die rechte Tür der Fahrerkabine gelehnt, die Beine auf der Sitzbank, so daß die Schuhsohlen die linke Tür berührten. Man hätte ihn auf dreißig oder etwas mehr geschätzt; er war noch nicht ganz so alt und hieß Martin Terrier. Auf seinem Schoß lag eine Halbautomatik, eine Ortgies mit einem Schalldämpfer von Redfield.
Der Bedford stand in der nördlichen Vorstadt von Worcester, in einem vornehmen Wohngebiet voller kleiner Villen im Tudorstil mit Fachwerk und Fenstern mit kleinen Scheiben und schwarz lackierten Sprossen. Hinter den Scheiben der Häuser ohne Fensterläden sah man das graue oder pastellfarbene Licht der Fernseher. An der nahe gelegenen Bushaltestelle warteten zwei Paare mit gesenktem Kopf und dem Rücken zum Wind.
Fünfzig Meter von dem Bedford entfernt ging unter dem Vordach eines der Tudorhäuser eine Laterne an. Als sich die Tür der Villa öffnete, warf Terrier seine französische Zigarette, eine Gauloise, auf den Fahrzeugboden. Er griff nach der Ortgies und lud sie durch, während sich Marshall Dubofsky auf der Freitreppe umdrehte, um seiner Frau einen flüchtigen Kuß auf die Wange zu drücken. Von Norden kam ein hellerleuchteter grüner Doppeldeckerbus an. In einem kittfarbenen Regenmantel ohne Gürtel lief Dubofsky auf seinen kurzen Beinen los. Er trabte durch den Garten, wobei er mit der einen Hand eine Art Tirolerhut aus fusseligem grünem Filz auf seinem Kopf festhielt, hastete auf den Gehsteig und traf drei Sekunden vor dem Bus an der Haltestelle ein. Terrier gab ein leises verärgertes Schmatzen von sich. Er schwang die Beine vom Sitz, setzte sich ans Steuer des Bedford, sicherte die Halbautomatik und legte sie neben sich auf den linken Teil der Sitzbank. Unterdessen stiegen die beiden Paare und Dubofsky in das Fahrzeug. Der Bus fuhr wieder los. Terrier ließ ihm etwas Vorsprung.
Im Zentrum von Worcester gibt es einen Platz, der Endstation mehrerer Buslinien ist. Terrier parkte den Bedford und sah gleichzeitig, wie Dubofsky ein dort gelegenes Kino betrat, das in einer Doppelvorführung einen mittelmäßigen amerikanischen Thriller mit Charles Bronson und eine sehr britische Filmkomödie in Schwarzweiß mit Diane Cilento zeigte. Als die Fahrgäste des Busses sich zerstreut hatten, war der Platz menschenleer. Gegenüber dem Kino warf ein Pub, dem jegliche pittoreske Note fehlte und der eher einem großen Waschsalon ähnelte, durch seine Mattglasscheiben gelbe Lichtpfützen aufs Trottoir. Hinten im Foyer strickte die Kassiererin des Kinos in ihrem Glaskasten.
Eine falsche Rothaarige in einem dreiviertellangen Mantel, eine Pelzimitation aus klatschmohnrotem Acryl, mit knallrotem Lippenstift, zuviel Schwarz um die Augen und Stiefeln mit sehr hohen Absätzen aus schwarzem Plastik, kam aus dem Vorführraum und verließ das Kino. Sie hatte eine rote Umhängetasche, die Hände in die Taschen gesteckt und eine griesgrämige und berechnende Miene aufgesetzt. Dubofsky folgte ihr im Abstand von zwanzig Metern und warf einen flüchtigen Blick in Richtung Pub.
Als das Mädchen und der Mann sich vom Kino entfernt hatten und im Begriff waren, um eine Straßenecke zu biegen, ließ Terrier die Kupplung kommen, holte sie ein und fuhr an ihnen vorbei. Kurz bevor die Rothaarige die Kreuzung erreichte, bog er ab, fuhr sofort an den Gehsteig heran und stoppte. Die Rothaarige war um die Ecke geschwenkt, sie ging mit gesenktem Kopf an ihm vorbei. Bei laufendem Motor öffnete Terrier die linke Tür und stieg, die Ortgies in der Hand, auf den Gehsteig aus. Fast wäre Dubofsky mit ihm zusammengeprallt. Ihre Blicke begegneten sich, Dubofsky öffnete den Mund, um loszuschreien, Terrier schoß ihm sehr rasch eine Kugel in den geöffneten Mund und eine weitere in die Nasenwurzel.
Beim gedämpften Geräusch der Schüsse drehte sich die Rothaarige um, Terrier hatte sich ebenfalls umgedreht, und im selben Augenblick, als Dubofskys Schädel, aufgeplatzt, durchlöchert und in Stückchen zersprungen wie die Schale eines hartgekochten Eis, mit einem dumpfen Geräusch auf den Gehsteig schlug, standen sie sich Auge in Auge gegenüber. Und Terrier trat zwei Schritte nach vorn und streckte den Arm aus und preßte den Schalldämpfer auf das Herz des Mädchens und drückte einmal auf den Abzug, die Rothaarige machte einen Satz nach hinten, ihre Gedärme entleerten sich geräuschvoll, und sie fiel tot auf den Rücken. Terrier stieg wieder in den Bedford und fuhr davon.
Er bog abermals nach links und raste Richtung Westen, durch eine große, absolut ausgestorbene Geschäftsstraße, in der der heftige Wind verschmutzte Zeitungsblätter vor sich herjagte. Hinter den dunklen Scheiben befanden sich Hunderte leerer Anzüge, Tausende leerer Schuhe, Tausende viereckiger Pappschildchen, auf denen Preise in Pfund oder manchmal in Guineen standen.
Bald kam der Bedford auf die Autobahn. Gegen Mitternacht fuhr er an Oxford vorbei. Später erreichte er London.
Terrier war im Hotel Cavendish abgestiegen. Er stellte den kleinen Kastenwagen auf dem hoteleigenen Parkplatz ab, ging auf sein Zimmer und zog sich dort aus der automatischen Getränkebar eine kleine Flasche spanischen Sekt. Er trank ein Glas, schüttete dann den Rest des Schaumweins ins Waschbecken und warf die Flasche in eine Zimmerecke. Er öffnete eine Dose Watney’s und schlürfte das Strong Ale mit aufrechtem Oberkörper auf dem Bett ausgestreckt, wobei er zwei oder drei Zigaretten rauchte. Er war fast vollkommen reglos und schien gar nicht müde zu sein. Anschließend stand er wieder auf, baute seine Waffe auseinander, reinigte sie gewissenhaft und verstaute sie in einer Pappschachtel. Er rauchte noch eine Zigarette, zog dann seinen Pyjama an, legte sich hin und schaltete das Licht aus.



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