More is less

Pelletier, Chantal

  

Maurice Laice ging in die Hocke. Ein Schmerz im Knie verzerrte ihm den Mund, das Gesicht. Das war seine Art, die Toten in den Griff zu bekommen: Prüfen, sich vorstellen, wer den Körper bewohnt hatte, bevor er zur Leiche wurde.
Andenken an zahlreiche lustige Momente – eine Sonne aus Falten erhellte das Gesicht des leblosen alten Chinesen, der ausgestreckt auf dem Rasen lag. In die Blutblase, die von seiner Schläfe ausging, hatte der Drehbuchautor nicht die Antwort geschrieben. In der roten Pfütze auf grünem Grund las Momo-der-Farben-blinde nur den Kontrast braun auf blau, glänzend auf matt.
Maurice hatte immer schon ein starkes Faible für die Alten gehabt. Die Blüte des Lebens. Vielleicht weil er selbst nie alt, noch lächelnd, nicht einmal faltig sein würde. Nur voll von Lachen, das ungenutzt in den Saum seines Unterhemdes eingenäht war. Er fühlte sich verbraucht mit seinen dreiundvierzig Jahren, vier + drei = sieben, die Zahl, die Unglück bringt. Nervös rollte er seinen Zimtkaugummi zwischen Daumen und Zeigefinger und warf ihn in den Abfallkorb. Er hätte sich selbst hinterher werfen können.
Ein alter Chinese, abgeknallt am ersten Schultag, während er unter den Bäumen seine Gymnastik machte. Maurice fürchtete sich schon davor, wie sich das Kapitel fortsetzen würde. Das stank nach Abrechnung. Und Abrechnungen im chinesischen Milieu mußten ebenso schwer zu entschlüsseln sein wie Ideogramme und Grimassen der Sänger der Peking-Oper.
«Er machte wie jeden Morgen sein Tai-Chi mit seiner Gruppe; er kam fast immer als erster», erklärte Roland mit seinem Marseiller Pastis-Operetten-Akzent.
Der Rest des Satzes ging im Heidenlärm eines Krankenwagens unter. Ein verdammtes Durcheinander herrschte im oberen Teil der Buttes-Chaumont. Eine Stafette der Funkstreife und zwei Wagen der Flics mit Blaulicht, das einen fluoreszierenden Schein auf Bäume und Schaulustige warf. Die Uniformierten versuchten, die neugierige Menge fernzuhalten, indem sie mit einem zweifarbigen Band ein Areal um die Leiche abgrenzten. Von allen Seiten Rufe. «Was ist? Wie schrecklich! Wer ist das? Nein, furchtbar!» Wauwaus beschnupperten sich, machten den Rücken krumm, fletschten die Zähne, knurrten, kläfften. «Brav, Bad, brav!» Ein Jogger machte ein mürrisches Gesicht, weil er völlig außer Puste war, preßte die Hände auf den Bauch und hechelte dabei wie ein kleiner Hund, so als ob er gleich sein Bäuchlein gebären wollte. Unter einer großen Linde stand eine Gruppe von kreischenden Chinesen oder Vietnamesen, weiß der Himmel, Frauen mit Eskimogesichtern putzten sich die geschwollenen, sicher auch geröteten Nasen, Momo hätte es nicht sagen können.
Wo war er? Im Central Park? In Taipeh? Irgendwo. Doch nicht zwingend im 19. Arrondissement von Paris. Jogger, Babys, Flics und Chinesen, die dürfte es wohl überall geben.
«Die Kugel hat die Schläfe getroffen, der Tod muß fast unmittelbar eingetreten sein», sagte der junge Arzt von den Antillen im Trainingsanzug, der beim Joggen und seinen morgendlichen Liegestützen gestört worden war. Keiner hatte etwas gehört.
Der Mörder hatte gut gezielt. Ein Profi, ein Auftragskiller, ein Scharfschütze, der geschickt genug war, sich in Luft aufzulösen, keine Spuren zu hinterlassen, nur einen Toten und Augen zum Weinen.
Die Tai-Chi-Anhänger steckten die Köpfe zusammen und tuschelten miteinander. An manchen Morgen hatte Momo sie – stumm, synchron und in Zeitlupe, wie es sich gehörte – Arabesken in die Luft zeichnen sehen, die nur sie selbst lesen konnten. Er hatte Kinder bemerkt, die staunend murmelten «Die machen langsames Ka-rate...», fasziniert von diesen Verrückten, die von einer Ruhe bewegt schienen, die von anderswo kam. Vielleicht gar nicht so falsch, Momo hatte keinen blassen Schimmer; irgendwer hatte ihm mal gesagt, die Amis würden das Schattenboxen nennen. Wozu einen Schatten töten?
Schweigen war jedenfalls nicht das Ding dieser komischen Karatekas. Ihr kehliges Geplapper war bis weithin zu hören und übertönte noch die Ausrufe einiger Europäer, die auch Anhänger dieser chinesischen Gymnastik waren.
Maurice bemerkte sie sofort. Klein und schlank, kerzengerade in ihrem langen beigefarbenen, vielleicht auch gelben Sweatshirt. Unbewegt und stumm. Asiatisch. Um die Fünfzig, nicht wirklich hübsch. Das Gesicht, wie aus Ton geformt, hohe Wangenknochen, Mandelaugen. Eine Alte, eher von der nachdenklichen als von der lustbetonten Sorte, er sollte sich vorsehen. Seit Anna kannte er diese Art von Frau, die imstande war, ihn mitten im Winterschlaf zum Blühen zu bringen. Allerdings gehörte er eher zur Gattung Unkraut. Und das Aufblühen war bei ihm nicht willkommen.
Die besonnene Asiatin fing seinen Blick ein, woraufhin er sofort seine Dienstmarke zückte. Besser, sie wußte es gleich: Er gehörte nicht zu jenen, die durch hübsche Triebe das Leben einer Frau mit grünem Händchen verschönten.
«Faßt mal jemand zusammen?»
Ein Chinese, jünger als der Tote, vielleicht so um die Sechzig, deutete auf einen großen Dürren, der nicht jeden Tag ein Porterhousesteak auf den Teller zu bekommen schien: Er war so blaß, daß er fast grün wirkte.
«Wir treffen uns jeden Morgen hier. Monsieur Trung hatte eine Engelsgeduld, er unterrichtete Anfänger.»
Der tote Alte – Engelsgeduld, Turnschuhe für Kids, das Gesicht eines Weisen – kam jeden Morgen, um gleichmäßig und sanft zu atmen und so seine Rente länger genießen zu können. Man spricht von Lebenshy-giene, von der Arbeit an sich selbst, aber, wie für alles Leben, galt auch hier more is less, da war nichts zu machen, Momo kam nicht los davon.
«Und Sie sind natürlich alle danach gekommen.»
«Ich war die erste», sagte die Asiatin mit den Mandelaugen. «Ich sah ihn am Boden liegen, bin hergelaufen, er war schon tot.»
Sie sprach ein gutes Französisch, sehr bedächtig, versteht sich, und Momo vermied es, ihrem Blick zu begegnen, einen Sonnenbrand hat man sich schnell eingefangen!
Roland-der-Marseiller fühlte sich gar nicht wohl, als er die Mitglieder der Gruppe um Adresse und Telefonnummer bat. Diasporas, Chinatowns, Communitys, all diese Dinge, die man aus Film und Zeitung kennt – der Vietnamese war auf der Hut. Er hatte Saigon im Alter von drei Jahren verlassen. Seine Erinnerungen reichten nur bis Marseille zurück. Er sprach und dachte Provenzalisch, ließ sich zu Hause vollaufen, tröstete sich mit Knoblauchzehen, und sobald man ihn auf Asien ansprach, war er nicht mal mehr mit Stäbchen zu genießen.
Momo zog an seinem Zigarillo wie an einer Sauerstoffquelle und glotzte auf die Füße der dreisten Asiatin. Ihre Sandalen stellten glatte, tadellos angeordnete Zehen zur Schau, mit tee- oder rosafarben lackierten Nägeln, Momo wußte es nicht. Was trieb diese Puppe im Leben, die hier Tai-Chi übte und nicht den Anschein erweckte, als ob sie sich Bürozeiten aufzwingen ließe.
«Wissen Sie, alle mochten Trung», sagte der Bleichling.
«Trotzdem war er tot jemandem lieber», meinte Momo und schnitt eine Grimasse.
In diesem Augenblick: ein Stechen im linken Hoden. Schlecht drauf, der Kerl. Seitdem Anna abgereist war, verlangte sein Hodensack nach Leben. Vor drei Monaten war die Glasbläserin zu ihrem Ex nach Neukaledonien gereist, um ihn über den Tod seiner zweiten Ehefrau hinwegzutrösten. Sie verstand sich auf die Kunst des Tröstens, das konnte Momo bezeugen. Der Krebs würde ihn schnell hinwegraffen, Pech, er würde nicht kämpfen; er hatte nichts von einem Lance Armstrong, nichts von einem gelben Trikot, gehörte nicht zu denen, die selbst die schlimmste Schererei in ein persönliches Wunder verwandeln. Der Ami-Sieger der Tour de France kannte sich da aus, was less is more betrifft. Dieser wundersam Eier-Geheilte war ein fahrender Erfolg, und Momo war ein Desaster auf zwei Beinen.
Die Frau des Toten war gerade eingetroffen. Ganz klein, neben ihren Mann gekauert, ließ sie die kindlichen Hände über das Gesicht des Chinesen gleiten, als wollte sie ihm wieder Leben einflößen. Momo wandte sich ab, er ertrug keine Gefühlsausbrüche. Er ging nicht mehr ins Kino: Einen Mann und eine Frau zu sehen, die sich auf der Leinwand küßten, das bohrte sich wie Stacheldraht in seine Haut; er mußte einfach heulen. Aber er dürfte wohl nicht der einzige Junggeselle sein, dem es schlecht ging. Der Beweis: In den Filmen wurde immer weniger geküßt und dafür immer öfter geprügelt.
Momo hoffte, Aline Lefèvre würde irgendeine höhere Polizei-Charge vorbeischicken, die den Fall übernimmt. Das hatte er verdient. Seine Eier vertrockneten in seinem Slip, Anna betrog ihn mit ihrem Ex am anderen Ende der Welt, wo, Martyrium für seine Phantasie, gerade der Frühling begann.
Er trat zu Roland:
«Ich rufe die Chefin an, um herauszufinden, wer dieses Chaos hier übernimmt.»

Ein mildes Licht ergoß sich über die Bäume der Buttes-Chaumont, und all dieses Grün, das Momo grüner sah, als es tatsächlich war, tat ihm in den Augen weh.
Hunde – kleine, große, alte Beaus, junge Angeber – führten ihre Herrchen an der Leine spazieren. Trotz der extremen Luftverschmutzung, die die Anhöhen erreichte, schwitzten auf den Treppen mit den Rundholzstufen-Imitaten aus Beton mehr Jogger als gewöhnlich in ihren Shorts. Wie jedesmal zu Schulbeginn holten Tausende von Eltern, ihre Automobile aus den Garagen, um ihre in Tränen aufgelösten Kleinen zur Schule zu fahren, und scherten sich dabei einen Dreck um die Luftqualität und die Zukunft der Atemwege ihrer Kinder. Aber trotzdem: die guten Vorsätze hielten noch an, und die Pariser absolvierten ihren Wettlauf gegen Cholesterin und Blutzucker, setzten auf Proteine, versagten sich Butter und Zucker und warteten mit einem Schrecken voll Erleichterung, bis sie sich aus Depression endlich wieder auf die erstbesten Croissants stürzen würden.
Momo verließ den Park, glücklich, wieder die Fassaden zu sehen, die Straßen, die Autos, die Läden, das Leben halt, nicht Dekoration. Bürgersteige, Bäume, am Boden eingezwängt in einen kleinen Kreis Erde, und Pflanzen, die zwischen Pflastersteinen, in Mauerspal-ten sprossen, um stolz ihre runden oder spitzen, glatten oder behaarten, hellen oder dunklen Blätter aufzurichten. Alle möglichen Pflanzen, versessen darauf, einen Platz zu finden, wo keiner war. Momo hätte gerne Nachforschungen darüber angestellt, welcher Wind, welcher Spatzendreck, welches Tomaten-Sandwich den Samen ausgestreut hatte, damit diese widerstandsfähigen illegalen Einwanderer und ihre respektlose Entschlossenheit wachsen.
Die Klänge der Internationale. Momo griff nach seinem Handy. Lefèvre.
«Na, ‹Mehristweniger›, wollen Sie einen auf Exotik machen? Das ist gut für einen Schizo wie Sie.»
«Ihre Sorge um meine geistige Gesundheit verschlägt mir den Atem.»
«Ist das nicht zu Chinesisch für Sie?»
«Ich würde Sie enttäuschen, wenn ich nein sagen würde.»
«Gehen Sie sachte vor, bloß keinen Staub aufwirbeln, die Franzosen mögen die chinesischen Communitys. Haben Sie schon einen Überblick?»
«Nein. Aber für meinen Geschmack habe ich schon genug gesehen.»
«Ich weiß, Sie haben kein Gespür für die Zukunft, ‹Wenigeristmehr›, aber die Zukunft liegt in Asien, alle Welt redet davon!»
«Ich lese die Zeitung. Ganz blind bin ich noch nicht.»
«Na immerhin. Dann wird es Ihnen hoffentlich gelingen, Licht in diese Geschichte zu bringen, Sie haben Grün, aber passen Sie auf, wenn Sie mit Ihren schlechten Augen bei Rot durchfahren, dann sieht es nicht gut aus für Ihre Zulassung.»
Klick! Verdammt! Es hat ihn getroffen! Rotes Licht, grünes Licht und jetzt noch die gelbe Gefahr, das war der Gipfel für einen Farbenblinden. Aline Lefèvre liebte es, ihn zu nerven, das war Doping für ihre Phantasie. Er war der Prügelknabe dieser läufigen Lesbe, die den Orgasmus kultivierte wie andere Fettpflanzen, was für sie freilich kein Hinderungsgrund gewesen war, befördert zu werden, um den Kampf für ein sicheres Paris zu koordinieren. Nachdem sie ihn für zwei Jahre in ein Büro im 18. Arrondissement abgeschoben hatte, verbannte sie ihn ins 19. Die Höchststrafe. Außerhalb von Montmartre fühlte er sich am anderen Ende der Welt, aber sie hatte verfügt: «Sie kennen die Butte und ihre Bewohner zu gut, das ist gefährlich, Sie vervielfachen die Schwierigkeiten, aber wenn Sie sich bewähren, können Sie in den Schoß der Familie zurückkehren.»
Der Schoß der Familie, Maurice glaubte nicht mehr daran. Bis dahin hing er vom Belieben der Lefèvre ab. Außerhalb der Hierarchie, ohne feste Zuständigkeit. Ferngesteuert von Madame. Von seinen gewohnten Funktionen entbunden, glitt er wie ein Drachenflieger unter Sichtflugbedingungen über eine wenig erfreuliche Landschaft hinweg.
Im Bistro an der Ecke kriegte es der Verbannte mit der Angst zu tun. Kein Zweifel. Den wenigen Grips, der ihm geblieben war, in ein Geduldspiel des Fernen Ostens zu stecken, wäre schädlich für seine Gesundheit.
Nach dem dritten Calvados fühlte er sich nicht sicherer, aber immerhin war ihm warm im Bauch, und die Nadelstiche in die getrockneten Feigen, die ihm als Hoden dienten, hatten aufgehört. Auf den Tresen gestützt, faselte ein langer Lulatsch vor sich hin. Seine Firma und seine Frau hatten ihn in einem Atemzug ausgespuckt wie einen Olivenkern. Weder alt noch jung, eher einfach bloß grau, bekam er nur den Staub ab, nie die Sonne oder das Chlorophyll, das erkannte sogar Momo. Ganz im Grau des Unglücks angestrichen, des voll beschissenen Lebens – das Grau der Nerven, die aus den Schienen der Geborgenheit gesprungen waren, legt sich einem um die Kehle und schnürt sie einem zu. Momo gab ihm ein Bier aus und bot ihm ein Zigarillo an, ohne freilich zu erwarten, daß dies für den Typen eine Friedenspfeife wäre, es sollte einfach nur eine Pause, eine Siesta in seinem Kampf mit den Scherereien sein.



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