More is less

Pelletier, Chantal

 

 

«Krimitipp Juni 2004: Maurice Laice – gesprochen wie das Englische «More is less» – ist der Ermittler der französischen Krimiautorin Chantal Pelletier. Und dieser Name ist Programm: Laice ist ein mehr oder weniger normaler, etwas zu dicker, ganz passabel aussehender, mittelmäßig begabter, bedingt erfolgreicher Mittvierziger, der an der Verderbtheit der Welt leidet, im Kampf gegen das Böse sein Bestes tut und ansonsten immer noch auf die große Liebe hofft. 
Die hatte er eigentlich schon gefunden. Aber die polygam veranlagte Traumfrau des Kommissars ist ans andere Ende der Welt entschwunden, wo sie einem Verflossenen durch seine Lebenskrise helfen muß, sehr zum Leidwesen des Ermittlers. Und als wäre seine Lebenssituation nicht übel genug, wird Laice auch noch ins 19. Arrondissement, das Chinatown von Paris, versetzt und von seiner bekennend lesbischen Chefin schikaniert. Arbeit, d.h. Fälle, gibt es genug: Ein alter Chinese ist im Park beim Schattenboxen erschossen worden; eine Bande von Jugendlichen drangsaliert die Bewohner eines gutbürgerlichen Wohnhauses; eine schöne Asiatin scheint in krumme Waffengeschäfte verwickelt. Schnell, aber ohne Aufsehen bei Honoratioren und Politikern zu erregen, soll Laice diese aktuellen Fälle aufklären. Aber das entpuppt sich als höchst schwierig.
Beeindruckend, wie souverän und gewandt Chantal Pelletier diese verschiedenen Ebenen verbindet und wie sprachmächtig und wortwitzig sie von den verschiedenen Fällen des Polizisten – ebenso wie von seinem desolaten Innenleben – berichtet. Chantal Pelletier ist in ihrer Schreibweise von ihrem berühmten Kollegen Daniel Pennac beeinflußt, dessen witzigen Kriminalromane sie zwar immer wieder ihre Reverenz erweist, ihnen dabei aber ganz eigene Entwürfe zum selben Thema, dem Zusammenleben der Kulturen, gegenüberstellt. Dreh- und Angelpunkt ihrer Erzählkunst ist dabei ein raffinierter erzählerischer Kniff: Als Autorin, die einen Mann als Protagonisten wählt, begibt sie sich in die Rolle eines Mannes und kommentiert aus dessen Perspektive den Kampf der Geschlechter. Dies erlaubt so manche erzählerische Kapriole, die ein Mann als Autor sich nicht hätte leisten können. Und es ist darüber hinaus höchst spannend und amüsant, Chantal Pelletiers Binnensicht der männlichen Seele zu verfolgen.
Allerdings bleibt einem trotz aller sprachlichen Akrobatik, trotz aller Situationskomik irgendwann das Lachen im Halse stecken. Die Welt ist tendenziell bekanntlich eher schlecht als lustig, und Maurice Laice wird angesichts all der Gewalt in den Straßen, angesichts all der Korruption und Selbstsucht immer müder. Daß er sich, wie in den Vorgängerromanen, noch einmal erholt, daß er wieder neuen Lebensmut schöpft, das wird immer unwahrscheinlicher. Chantal Pelletiers Serie um den tapsig-sympathischen Kommissar Maurice Laice neigt sich ihrem Ende zu, so scheint es, und ein Happy End ist dabei nicht in Sicht. Auch wenn der Schluß der Geschichte für Maurice Laice letztlich einen befriedigenden Ausgang darstellt.»

Ulrich Noller, funkhaus europa / WDR

 

«SIE LÄSST IN MONTMARTRE MORDEN: Ein schillerndes Multitalent zwischen schwarzem Humor und traumhafter Eleganz – Die französische Autorin Chantal Pelletier.
Daß es geht, daß es dann doch irgendwie geht! Er staunt selber. Wahrlich, es ist ein täglich wiederkehrendes kleines Wunder, daß Maurice Laice sich aus dem Bett erhebt, sich anzieht und zur Arbeit geht. Denn eigentlich ist ihm das alles zu viel, diese Leichen, diese verstockten Zeugen, diese Lügenhaufen, die man ihm auftischt. So vieles, das er nicht versteht: die versammelten Bausünden im Montmartre-Viertel, das Desinteresse, mit dem Eltern ihre eigenen Kinder strafen, sie so auf die schiefe Bahn schieben, wo sie dann ins Trudeln, ins Rutschen kommen. Und dann noch seine Vorgesetzte, diese Aline Lefèvre, eine lesbische Plaudertasche, immer wieder, obschon ganz ungefragt, ausführlichst Auskunft gebend über ihr Sexualleben. So wird er mehr noch, als es ihn ohnehin quält, an seine eigenen erotischen Sehnsüchte erinnert, an all die Frauen seines Lebens, die er stets nur kurz genießen durfte, aber lange vermissen mußte. Es liegt ein großes melancholisches «Trotzdem» über Laices Tagen, seinen Ermittlungen, seiner ganzen Existenz. Seine Restenergie speist sich aus seiner Restneugierde, seiner Restwürde, die es ihm verbietet, sich von seltsamen Mördern für dumm verkaufen zu lassen. Er kämpft mürrisch, er tut es, ohne um sein Kämpferherz zu wissen. Maurice Laice, dessen Name das Ziel unzähliger anglophiler Namenswitze der Chefin ist (in der Regel nennt sie ihn gleich «Mehristweniger»), spürt zudem einen ganz unromantischen Schmerz in seinen Hoden, der endgültig zum «Generalstreik unter der Gürtellinie» führt.
Es gibt nur einen echten Trost für diesen 43-jährigen Gramgrummelkopf, von dem er aber nichts ahnt. Denn dieser wird in ganz feiner Dosierung von seiner Schöpferin gespendet, der französischen Psychologin, Drehbuchautorin, Schauspielerin und Schriftstellerin Chantal Pelletier. Die mag ihn, sie mag ihn sogar sehr, und sie schildert seine Neurosen auf zärtliche Weise, als gerade noch liebenswert, verleiht ihm einen wehmütigen Charme und führt ihn zu kombinatorischen Höhenflügen, die er sich selbst nie prophezeit hätte. In Laices drittem Fall, der das gängigste Wortspiel gleich zum Titel «More is less» befördert (auf sein Auto wird auch noch die multilinguale Drohung «Mort is laice» gesprüht), gerät der Mann, der nach eigener realistischer Einschätzung «voll ungenutztem Lachen» steckt, in eine Routineangelegenheit, die sich zügig zum Albtraum auswächst. Ein alter Vietnamese, Anleiter einer Tai-Chi-Gruppe, wird beim Frühsport im Park erschossen, eine verwöhnte Görenbande beklaut die eigenen reichen Eltern, andere verwilderte Jugendliche behelfen sich mit weniger eleganter Kleinkriminalität.
Chantal Pelletier ist hier, wie auch schon in den hoch gelobten Vorgänger-Romanen «Der Bocksgesang» (Grand Prix du Roman Noir) und «Eros und Thalasso», wenig zimperlich. Es wird heftig gemordet und kaltblütig vertuscht, aber auch sarkastisch gespottet über Politiker, schleimige Kollegen, TV-Stars und andere Wichtigtuer, die Laice den Tag verleiden könnten, wenn er dieses Geschäft nicht schon ganz allein besorgte. Aus dieser misanthropischen Grundhaltung heraus entwickelt der Mann seine Stärke, seine ganz eigene Unverletzlichkeit. In seinen lichten Momenten schwingt er sich zum Philosophen auf, doch kommentiert er derlei Anflüge mit selbstironischer Lässigkeit.
Chantal Pelletier, 1949 in Lyon geboren, gehört zur neuen Generation der französischen Krimi-Autoren, die sich dem «Néopolar» verpflichtet fühlen. Die Gründer dieser ruppigen Abkehr vom braven klassischen Krimi, dem «Roman policier», waren Jean-Patrick Manchette, Didier Daeninckx, Patrick Raynal und Jean-Bernard Pouy. Allesamt mehr oder weniger links stehend, sehr mißtrauisch gegenüber der als korrumpiert verurteilten «hohen Literatur», erneuerten sie das Krimi-Genre mit einer Mischung aus Sozialkritik und anarchischer Poesie.
Der kleine Heilbronner Distel Literatur Verlag hat gute Kontakte zum Haus Gallimard und macht diese Schätze der «Série Noire» seit den 90er-Jahren auch deutschen Lesern zugänglich. Von der revolutionären Tradition ist bei Pelletier, die von Pouy zum Schreiben ermuntert wurde, einiges zu spüren, wenn auch auf denkbar undogmatische Weise. Sie ist sprachgewandt und witzig, mutig und überraschend in ihren Bildern, geistreich in den Dialogen und brillant in der präzisen, ganz ungeschwätzigen Zeichnung ihres schräg schillernden Personals. Ihr Blick für die traurigen Absonderlichkeiten der Pariser Multikulti-Gesellschaft ist geschult, die Vielzahl ihrer künstlerischen Talente und Erfahrungen kommt ihr bei den lakonischen Volltreffern ebenso zugute wie ein Psychologiestudium. So geleitet sie Laice, der bedauernd konstatiert, dass der Tod «das einzige Ereignis ist, das dazu angetan ist, die Bewohner der Erde zum Nachdenken zu bringen», auf seinen verworrenen Wegen.
Weil eine Festlegung à la «Die Krimiautorin» solchen Frauen fremd und gefährlich erscheint, hat Pelletier, in früheren Jahren in der locker feministischen Theatertruppe der «Trois Jeannes» aktiv, auch noch einen Jugendroman geschrieben, Krimis ohne Maurice Laice – und ein kleines Schmuckstück namens «La visite», das gerade als «Tage mit Romy» in Deutschland erschienen ist. [...]»

Helge Hopp, in: WELT AM SONNTAG

 

«Chantal Pelletier kann alles, etwa ohne Klischees über die asiatische Gemeindschaft sprechen oder über die neue liberal-anarchistische Bourgeoisie, die jetzt das beherrscht, was noch von Alt-Paris übrig geblieben ist.»

Le Figaro

  

«Man glaubt, sich auf bekanntem Terrain zu befinden. Irrtum! Man schlittert von einer Überraschung in die nächste. Was wie ein schwarzer Krimi beginnt, entpuppt sich als Alptraum.»

Libération

  

«Chantal Pelletier kann nicht nur formulieren, sie hat auch eine klare Vorstellung von der dunklen Seite des menschlichen Wesens.»

L’Humanité

  

«Ein Hühnchen in bitter-süßer Sauce.»

Le Nouvel Observateur



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