Lasst die Kadaver bräunen!

Manchette, Jean-Patrick

 

 

«Jean-Patrick Manchette/Jean-Pierre Bastid: «Lasst die Kadaver bräunen» ist schon deshalb ein reines Männerbuch, weil die Kunstmalerin Luce, die in der Nähe der kleinen Stadt Pont St. Esprit einen namenlosen, verlassenen Weiler ohne Strom und Heizung besitzt, sich dort nackend auf der Terrasse liegend betrinkt und später, als ihr zeitweiliger Liebhaber mit dem sprechenden Namen Gros (= fett, massig) dem ersten bei ihrem Schäferstündchen vorbeischauenden Gendarmen ins Auge schießt, den ganzen folgenden Rest der Schießerei à la mexicaine volltrunken durchlebt und auf dem Höhepunkt, während sie ihr Bikini-Oberteil zuhakt, begeistert ausruft: «Zum Teufel, da war etwas ganz Außergewöhnliches und ästhetisch Erregendes im Gange!» In dem Augenblick verwandelt sich der nun endlich erstmals auf Deutsch erschienene zweite Roman Manchettes (1971 erstveröffentlicht unter dem Titel «Laissez bronzer les cadavres!») endgültig aus einem reinen Männerroman, in dem Gangster einen Bankraub mit Todesfolge für ein paar dämliche Wachleute und Bullen durchführen (was nicht erzählt, sondern nur als Voraussetzung des Folgenden erwähnt wird), in einen Künstlerroman, in dem aber die Künstler eigentlich nur die Aufgabe haben, das Geschehen zu betrachten, zu kommentieren und mit ihrem unvorhersehbaren Künstlerverhalten durcheinander zubringen.
Die späte Veröffentlichung dieses Romans ist ein Glücksfall, schon deshalb, weil das unserer Jury-Regel 1 entspricht, dass wir nur Neues vorstellen. Damit wird es mir endlich möglich, auch an dieser Stelle den lauten Schrei auszustoßen: «LESEN SIE MANCHETTE!»
Und fangen Sie einfach mit unserem Platz 5 an! Sie werden es nur dann bereuen, wenn Sie keinen Funken Humor, keinen Sinn für die Brillanz eines zehnstündigen Feuergefechts und für Künstler haben, die ständig betrunken sind. Denn nur in diesem Zustand sind sie imstande, die Ergebnisse eines Massakers mit Sätzen wie diesem zu kommentieren: «Lasst die Kadaver bräunen!» Das muss man sich erst mal im Gehirn zergehen lassen.»

arte – KrimiWelt

 

«Nur die Kadaver bleiben übrig»

«Will man wissen, wo die jüngere Generation französischer Spannungsautoren, aber auch pulp master wie Rick de Marinis herkommen, dann sollte man zu den Büchern Jean-Patrick Manchettes greifen. Der Néo-Polar ist die harte Variante des Polizei- oder Ermittlerromans. Manchettes zusammen mit Jean-Pierre Bastid geschriebener Zweitling «Lasst die Kadaver bräunen!» (DistelLiteraturVerlag) ist endlich auf Deutsch erschienen, und diese Prosa ist ein Ereignis. Seine Sprache ist ein Stakkato, als habe man noch das Knallen der mechanischen Schreibmaschine im Ohr, trocken, hart, schnell, ungemein rasant, die Wendungen der Handlung sind einfallsreich, überraschend und erdrückend fatal.»

Alexander Kluy, Seite 4



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